Am Wiener Burgtheater hat man ein Stück von Elfriede Jelinek übermalt. Zwar ist von einer "Uraufführung" die Rede, aber dazu kam es nicht. Der Regisseur Christoph Schlingensief hat Bambiland, eine so genannte Textfläche aus Mediensprech, Jelinek-Sprachspiel und Aischylos’ Persern, mit eigenem Material überwalzt. Wer Bambiland kennen lernen will, soll sich das Programmheft kaufen; da steht der Text drin.

Bambiland handelt vom Irak-Krieg und davon, wie die Medien ihn zu uns transportieren, und vor allem davon, wie er "in unseren Köpfen" (wichtige Diskurs-Formel) weitergeführt wird. Jelinek hat das Stück nach bewährter Methode geschrieben: Sie hat sich mit ihrem inneren Stammtisch vor den Fernseher gesetzt und CNN gesehen. Der innere Stammtisch ist eine Art brabbelnder Hefe, eine deutsch-österreichische Volksmasse, die im Geist der Dramatikerin ihr Auskommen hat und von ihr zum exzessiven Spiel mit der Sprache gezwungen wird. Jelinek entwirft keine Theaterfiguren; sie schreibt keine Stücke. Vielmehr schafft sie gigantische Hohlformen, in denen "Volksseele" um Ausdruck ringt. Die Methode hat etwas Zwanghaftes, in Bambiland aber erreicht sie neue Höhen.

Damit ist die Kurzrezension des Textes namens Bambiland beendet. Kommen wir nun zu etwas Privatem: zu der Aufführung, die Christoph Schlingensief unter dem Vorwand gemacht hat, Bambiland zu inszenieren. Schlingensief zeigt, wie schon in seiner Berliner Atta Atta- Produktion, warum er Künstler wurde; er bringt seine Familie auf die Bühne, die ihn dazu zwang. Wir sehen ihm zu, wie er Bilder malt, mal mit dem Arsch (und sich filmen lässt), mal mit dem Gemächt (und sich filmen lässt), wie er sich kreuzigen und filmen lässt, wie er sich mit Flüssigkeiten begießt, wie er auf der riesigen Bühne seine eigene Mythologie illustriert, wie er auf einer Filmleinwand eine vermeintliche Obszönität, die Stimulation eines Schauspielerpenis bis zum Samenerguss (in die US-Flagge), mit einer tatsächlichen Obszönität, den Kriegsbildern auf CNN, vermischt, wie er Unsinn in Megafone bellt und mit tausend Worten immer das eine sagt: Nicht schuldig! Ich will nicht schuldig sein!

Schlingensiefs jüngere Bühnenproduktion steht unter dem Begriff "Geheimnis". Er will "unlesbar" sein. Seine Aufführungen wollen mit vielem zu tun haben, mit dem terroristischen Anschlag und dem Begräbnis, der Geburt und der Operation, der Prozession und dem Abendmahl, der Orgie und der Folter. Aber mit einem wollen sie nichts zu tun haben: mit Aufsagen und Ansagen, mit Verabredungen, mit "Theater".

Artaud und Buñuel und die österreichischen Blutritenkünstler Hermann Nitsch und Otmar Bauer sind Männer (immer nur Männer), denen er sich nahe fühlt. Seinem Bambiland ist auch anzusehen, dass der Videokünstler Matthew Barney (Cremaster) ihn prägt. Wie Barney inszeniert Schlingensief Akte der Selbst(ent)fesselung und Selbsterlösung; er arbeitet am Bild des brennenden Totalkünstlers. Und wie Barney hat er einen Grad der Selbstentblößung erreicht, der allen Pornografieverdacht abschüttelt mit der Bedürftigkeit, von der seine Arbeit kündet.

Schlingensiefs Bambiland ist eine erstaunlich witzlose Anrufung des blutigen Lebens und des Schmerzes, und nichts bleibt von ihr in Erinnerung als der ausführlich vorbereitete Cum Shot auf der Filmleinwand. Man denkt an Balzacs Erzählung Das unbekannte Meisterwerk . Darin fixiert ein Maler das Leben, sein weibliches Modell, so lange, bis es übermalt ist, verschwunden unter "wirr angehäuften Farben". Am Rand des Gewimmels aber ist ein perfektes Detail zu erkennen, "die Spitze eines nackten Fußes, die aus diesem Chaos von Farben, Tönen, unbestimmten Nuancen, diesem formlosen Nebel hervorlugte". Bei Balzac ragt aus dem Chaos ein Frauenfuß – als Symbol der Flucht und der Freiheit. Aus Schlingensiefs Jelinek-Übermalung ragt ein erregtes männliches Glied – es sieht aus wie das leere Zeichen des Beharrens und der Macht.