Keine überschwängliche Freude zeigen, schon gar nicht Anzeichen von Triumph – das ist die Botschaft, die London nach der Verhaftung Saddam Husseins verkündet. Ernst und gefasst, ganz Staatsmann, so trat Tony Blair vor die Mikrofone und Kameras; nichts von jener Genugtuung ließ er sich anmerken, die ihn erfasst hatte, als man ihm in Chequers, dem Landsitz der britischen Premiers, vergangenen Sonntag die gute Nachricht aus dem Irak übermittelte.

Nach Monaten der Hiobsbotschaften aus dem Irak und nach schmerzhaften innenpolitischen Nackenschlägen war die Verhaftung Saddam Husseins endlich einmal eine erfreuliche Meldung. Auch das Scheitern des EU-Gipfels übrigens ist für Blair eher ein Glück. Hätten die Regierungschefs die umstrittene europäische Verfassung verabschiedet, sähe sich der Premier in den kommenden Monaten mit der Forderung, auch aus seiner eigenen Partei, nach einer Volksabstimmung über die Verfassung konfrontiert. Blair möchte das vermeiden, schon weil er fürchtet, dass solch ein Referendum nicht zu gewinnen ist. Nun kann der Regierungschef die heikle Angelegenheit erst einmal auf die lange Bank schieben.

Zufrieden registrierte man in 10 Downing Street, dass der amerikanische Präsident diesmal jeglichen Triumphalismus vermied. Auch George Bush kommentierte das politische Ende Saddam Husseins beinahe britisch unterkühlt. Premier und Präsident hatten sich vor ihren öffentlichen Auftritten in einem längeren Telefonat abgesprochen. Blair soll dabei "eindringlich" vor einer allzu optimistischen Bewertung gewarnt haben.

London begreift die Inhaftierung Saddam Husseins vor allem als eine "Chance für Aussöhnung und Frieden" im Irak. Deshalb auch der eindringliche Appell des Premiers an die Sunniten, sich am Wiederaufbau ihres Landes zu beteiligen. Der Schatten des Exdiktators, der über dem Land hing, werde nun weichen, hofft man in London. Man setzt darauf, dass die Bereitschaft des Volkes wachsen wird, sich für den neuen Irak und seine Institutionen zu engagieren.

Innenpolitisch bringt die Wendung im Irak ein gewisses Maß an Entlastung für den Premier. Die öffentliche Debatte verlagert sich. Neue Fragen rücken erst einmal in den Vordergrund, zum Beispiel: Wo soll dem Tyrannen der Prozess gemacht werden? London befürwortet eine irakische Lösung, solange das Verfahren "internationalem Recht" genügt, wie Sidney Greenstock, Großbritanniens Sonderbotschafter im Irak, betont. Je schneller die Irakis eigene Verantwortung übernehmen, desto besser, sagt man in Blairs Umgebung. Doch bedeutet das nicht, dass die britische Regierung nun auf einen zügigen Abzug der Koalitionstruppen im Irak hinsteuert – obwohl die Kosten des irakischen Abenteuers, bislang rund zehn Milliarden Euro, arg drücken.

Britische Diplomaten haben in den vergangenen Wochen in Washington jenen entschieden widersprochen, die auf eine schnelle Reduzierung des militärischen Engagements der Koalition drängen und die sich nun erneut dafür stark machen könnten. Der gewaltsame Widerstand im Irak speist sich aus verschiedenen Quellen. Tausende Kriminelle, vom Regime vor Ende des Kriegs aus den Gefängnissen entlassen, und die Baathisten werden weiterkämpfen, um eine Stabilisierung zu verhindern – so die britische Analyse. Von einem Staat mit funktionierender Polizei und Justiz haben diese Kräfte nichts Gutes zu erwarten.

Was die bislang unauffindbaren Massenvernichtungswaffen betrifft, wächst neue Hoffnung, doch noch bald fündig zu werden. Genährt wird diese Erwartung auch durch die in der Öffentlichkeit bislang kaum beachteten Aussagen eines früheren Obersten der irakischen Armee namens al-Dabbagh. Der Mann gab an, die Quelle jener umstrittenen Warnung gewesen zu sein, wonach Bagdad in der Lage sei, "binnen 30 bis 45 Minuten" chemische und biologische Waffen einzusetzen. Diese Warnung hatte die Regierung in ihr Waffendossier vom September vergangenen Jahres aufgenommen. Sie stand im Zentrum der Kontroverse mit der BBC. AlDabbagh, der heute als Berater für die irakische Übergangsregierung arbeitet, hält das Dossier in diesem Punkt nach wie vor für "hundertprozentig akkurat". Dem Sunday Telegraph erklärte al-Dabbagh vergangene Woche, erst nach der Inhaftierung oder dem Tod Saddam Husseins wären die Iraker bereit, ihr Wissen über die Aktivitäten des Regimes zu enthüllen. London erhofft sich davon endlich konkrete Hinweise auf Massenvernichtungswaffen.

Anders als Washington hatte die britische Regierung den Krieg mit der Existenz dieser Waffen begründet. Die Frage nach ihrem Verbleib wird nicht verschwinden. Dafür werden sowohl die britischen Medien als auch Blairs Widersacher in der Labour Party wie auch die Oppositionsparteien sorgen.