Bei uns zu Hause gab es keine Bücher. Meine Mutter hielt Lesen für Zeitverschwendung, "davon kommt kein Essen auf den Tisch, damit kann man kein Geld verdienen", sagte sie immer.

Meine Tante Margret war ganz anders. Sie las viel, saß oft weinend mit einem Buch auf ihrer Couch, und ich fragte mich: Was steht da drin, dass man weinen muss? Ich wollte lesen lernen, unbedingt. Bevor ich eingeschult wurde, habe ich mein erstes Buch bekommen, natürlich von Tante Margret.

Sie hatte mir versprochen: "Wenn du in die Schule kommst, lernst du lesen." Aber am ersten Tag lernte ich gar nichts und war bitter enttäuscht. Mein erstes Buch hieß Das Mädel Peter, geschrieben hatte es Annemarie Koffler. Ich kann es noch heute auswendig: "Ich heiße Peter, 40 Augenpaare richten sich auf das kleine Mädchen, das in der dritten Bank aufgestanden war …", das ist der Anfang.

Ich habe dieses Buch bestimmt mehr als 60-mal gelesen. Und es gab noch drei weitere Bände: Das Mädel Peter und sein bester Freund, Das Mädel Peter in Seewind und Sonne und Das Mädel Peter ganz groß. Ich habe die vier Bände bis heute aufbewahrt.

Das Mädel Peter lebte in einer ganz anderen Welt. Im Osten, in einer Förstersfamilie. Ein großer Haushalt war das. Da war Weite, die Kinder gingen in den Wald oder machten Urlaub an der See. Bei uns gab es keinen Wald und keine See, alles war viel kleiner und enger in meinem Heimatdorf Titz im Kreis Düren.

Mit zwölf Jahren, wir waren von Tante Margret weggezogen, lieh ich mir ein Buch aus der Schulbibliothek, an dessen Titel ich mich nicht erinnern kann. Ich habe es zur Tarnung in den Schutzumschlag meines Lesebuchs gesteckt. Meine Mutter entdeckte es trotzdem und verbrannte es. Für mich war das eine Katastrophe, ich musste in der Schule behaupten, ich hätte es verschlampt. Man geht ja als Zwölfjährige nicht hin und sagt: "Meine Mutter hat das Buch verbrannt, weil sie nicht will, dass ich lese."

Viele Jahre später hat ein kluger Psychologe vermutet, dass ich krampfhaft versuche, dieses Buch zu ersetzen. Was mir natürlich nicht gelingen kann, weil ich bis heute nicht weiß, was drin stand. Ich erinnere mich nur noch an die Teufelsfratze auf dem Schutzumschlag. Vielleicht schreibe ich deshalb so böse Sachen.

Als 1990 mein erstes Taschenbuch Die Frau, die Männer mochte veröffentlich wurde, war meine Mutter jedoch sehr stolz. "Wenn ich das früher gewusst hätte, hätte ich alles anders gemacht", sagte sie und versprach, mein Buch zu lesen. Aber mehr als 17 Seiten hat sie leider nicht geschafft – und bis heute nicht begriffen, woher ich meine Geschichten nehme.