Nächste Woche im Wissen

6.30 Uhr, Schwimmen. Wenn der Sport in Deutschland am Morgen zum Leben erwacht, wird von Anfang an kein Pardon gegeben. "Nu ma ’n büschen langsam, junger Mann, sonst treten Sie mich ja noch!" Schwarz wie in der Tiefsee ist es draußen vor den Fenstern des Blankeneser Hallenbades, und auch im Inneren, über dem 25-Meter-Becken herrscht Halbdämmerung, das Gesicht der schimpfenden Dame unter der turmhohen Badehaube ist nicht zu erkennen. Zwei Dutzend Menschen verteilen sich auf den acht Bahnen und – na ja, Schwimmen ist das falsche Wort – bewegen sich im Wasser fort. Marschieren auf der Stelle, schieben sich als stabile Dreiecksformation älterer Herren kaum merklich, aber gut hörbar voran, und auf Bahn 6 wendet sich die kampfbereite Fregatte wieder ihrem dahindriftenden Kaffeekränzchen zu. Auf Wunsch trennt der Bademeister für sportlich Ambitionierte eine Bahn ab. Heute kann er die Schnur mit den bunten Kugeln auf der Rolle lassen. Wie eigentlich immer.

Rund 150 Mitglieder hat der Frühschwimmclub Blankenese. Gegründet wurde er vor drei Jahren, als es sich die Bäderland Hamburg GmbH nicht mehr leisten konnte, ihre Schwimmhallen so früh zu öffnen. Schwimmen ist zwar der Deutschen liebster Sport – 76,5 Prozent aller Bundesbürger über 14 Jahre suchen nach eigenem Bekunden wenigstens "ab und zu" eines der 7800 Bäder auf, das sind fast 50 Millionen Menschen. Aber vor dem Morgengrauen tut sich die Nation schwer mit ihrer Passion. Also muss man dem Club beitreten, um zwischen halb sieben und neun schwimmen gehen zu können, das spart einen Angestellten an der Kasse. 39 Euro im Monat zahlt ein Vollmitglied.

Lotti und Arno Jaschik ist es egal, was ihr Ritual am frühen Morgen kostet. Seit 22 Jahren kommen sie her, jeden Tag. "Das ist wie zur Arbeit zu gehen." Sport in Deutschland ist nicht einfach Freizeit, anarchistisch durchtobter Freiraum, fernab von den Ritualen der Arbeitswelt. Nein, auch hier geht es um Pflicht und Disziplin, und seien sie selbst auferlegt. Spätestens in der Grundschule soll jeder Deutsche gelernt haben, sich über Wasser zu halten. Die lässige olympische Devise "Dabei sein ist alles" ist zum Imperativ einer Gesellschaft geworden, die fit sein will. Die Frühschwimmer, zu 70 Prozent Rentner wie die Jaschiks, kommen, weil der Meniskus fehlt oder der Rücken zwickt; lange vor der Clubgründung sind sie zum Klan geworden, inklusive Sozialkontrolle. "Es fällt schon auf, wenn man mal zehn Minuten später kommt", sagt Herr Jaschik, "dann gibt es ein paar Kommentare, ›Mahlzeit!‹ oder so." Einmal hat jemand sogar eine wasserdicht verpackte Entschuldigung mitgebracht. Weil er vierzehn Tage in Urlaub war.

8 Uhr, Jogging. Der Mensch, hatte der Orthopäde gesagt, ist nicht für das Rennen gemacht. Furcht einflößend waren seine Berechnungen gewesen, wie viel Tonnen dabei auf Knöcheln, Knien, Gelenken lasten. Es gebe fürs Rennen nur einen vernünftigen Grund: die Flucht.