Das Debakel des Brüsseler Verfassungsgipfels ist nicht die erste Krise des Projekts Europa. Eifersüchteleien, widerstreitende nationale Interessen und Skepsis gegenüber supranationaler Regelungswut verursachten in den vergangenen 53 Jahren schon mehrfach Spannungen – vor allem zwischen den Großen der Union.

1950: Der französische Außenminister Robert Schuman hat eine Friedensvision. Er schlägt Deutschland vor, künftig die Kohle- und Stahlindustrie unter gemeinsame Kontrolle zu stellen. Statt gegeneinander Waffen zu schmieden, sollen die Staaten sich gegenseitig stärken. Ein Jahr später ist die "Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl", kurz: "Montanunion", Wirklichkeit. Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Italien und die Niederlande legen mit ihr das Fundament für das Europäische Haus.

1954: Der ehrgeizige Versuch, Westeuropa auch militärisch zusammenzuschweißen, scheitert. Unterstützt von den Amerikanern, sollte statt vieler nationaler Armeen eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) entstehen. Die "Europa-Armee" scheitert am Widerstand der französischen Nationalversammlung; die Mehrheit ist nicht bereit, so viel Souveränität abzutreten.

1957: Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Die Montanunion-Staaten weiten ihre wirtschaftliche Kooperation über den Bergbau hinaus aus.

1960: Großbritannien, Dänemark, Österreich, Portugal und die Schweiz machen der EWG Konkurrenz. Sie gründen die Europäische Freihandelsassoziation (EFTA). Ihr Credo lautet: Binnenmarkt ja, politische Integration nein.

1963: "Gaullisten" und "Atlantiker" prallen aufeinander. Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle legt erstmals ein Veto gegen das britische Beitrittsgesuch zur EWG ein (ein zweites folgt 1967). Zu groß ist ihm die strategische Nähe Londons zur Großmacht Amerika. Als im gleichen Jahr der Bonner Bundestag dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag eine Präambel voranstellt, in der er die Partnerschaft Europas mit den USA und Großbritannien unterstreicht, ist de Gaulle tief gekränkt und Adenauer düpiert.