Nieselregen. Lufttemperatur ungefähr 5 Grad, Wassertemperatur ein bisschen drüber.Die Ostsee ist kabbelig, der Wind weht die Regenschleier direkt in den Nacken. Der Dezember ist für eine Kreuzfahrt auf der Ostsee vielleicht nicht gerade der ideale Monat. Aber man kann sich in seine warme Kabine zurückziehen, in den Restaurants unter Deck ist angenehm viel Platz. Wenn man im Fitnessraum den Winterspeck bekämpft, danach in die Sauna oder in den Whirlpool geht, fühlt man sich auch im engen Wellness-Bereich wohl. Winterpassagiere sind auf den Ostseefähren rar. Stünden auf dem Autodeck nicht ein paar Dutzend Lkw, würde vielleicht gar kein Passagier das Schlemmerbüfett nutzen. "Die Fracht sichert die ganzjährige Fährverbindung", sagt Barbara Klüver vom Verband der Fährschiffahrt und Fährtouristik (VFF). Im Winterhalbjahr müssten die meisten Schiffe sonst im Hafen bleiben.

Jährlich werden 30 Millionen Passagiere über die Ostsee gebracht, und trotzdem sind sie auf vielen Strecken nicht mehr als ein Beigeschäft. Der Hauptumsatz wird mit dem Transport von Frachtgut erzielt. Für Speditionen lohnt es sich doppelt, die Lkw auf Fähren zu laden. Spritkosten werden gespart, der Fahrer kann seine vorgeschriebenen Ruhepausen einlegen. Auf den Strecken zwischen Deutschland und Schweden sind fast ausschließlich Combicarrier im Einsatz, die mehr als 50 Prozent ihres Gewinns mit den Frachteinnahmen erwirtschaften. Die Verschiebung vom Personenbeförderer zum Frachtschiff lässt sich zum Beispiel an den Schiffen der TTLine erkennen: Konnte die Nils Holgersson I (1962) schon 600 Passagiere befördern, aber nur 90 Pkw oder 10 Lkw, kann die Nils Holgersson VI (2001) zwar auch nur 744 Passagiere, dafür aber 536 Autos oder 174 Lkw mitnehmen.

In der absoluten Nebensaison verkaufen die Fährschiff-Reedereien ihre Passagen besonders billig. Ein Grund mehr, die Fähren gerade im Winter als Alternative zum Städteurlaub mit Flug oder als entspannte Anfahrt in den Winterurlaub nach Skandinavien zu nutzen. Zwar kommen Reisende, seit die im Jahr 2000 eingeweihte Öresundbrücke Dänemark und Schweden verbindet, trockenen Rades von Gibraltar bis ans Nordkap. Auf dem Schiff aber, so die Werbeprospekte, beginnt der Urlaub schon, während die Reise im Auto oft stressig ist. Keine quengelnden Kinder, keine falschen Abzweigungen, keine Übermüdung.

Deshalb möbeln die Reedereien ihre Fähren zu so genannten Kreuzfährschiffen auf. Wellness und Kinderspielzimmer gehören ebenso zum Konzept wie Supermärkte, Büfett- und À-la-carte-Restaurants oder Cafés. "Die Reedereien legen sehr viel mehr Wert auf Komfort als früher" sagt Barbara Klüver. "Die Kabinen sind luxuriöser geworden," sogar das Showprogramm auf den Langstrecken nach Oslo, Helsinki oder St. Petersburg sei verstärkt worden. Als am 1. Juli 1999 der zollfreie Einkauf an Bord abgeschafft wurde, blieben zwar die Supermärkte, die Preise aber stiegen deutlich – besonders auf den Linien nach Skandinavien. Zigaretten und Schnaps kosten mehr als in Deutschland. Schnäppchen lassen sich allenfalls auf den Routen nach Polen oder ins Baltikum machen.

Die Touren sind in der Regel als Minikreuzfahrten angekündigt. Für 39 Euro bietet TT-Line einen Tagestrip nach Südschweden auf den Spuren des Mankell-Kommissars Kurt Wallander an. Übernachtungen kann man über die Reederei für 35 Euro pro Person gleich mitbuchen. Oder man macht eine kleine Städtetour und fährt für 120 Euro nach Malmö, 2 Übernachtungen im Hotel inklusive. Bei Stena-Line gibt es die Ü30-Party-Spaß-Tour nach Schweden, inklusive Stadtbesichtigung in Göteborg für 115 Euro, bei Siljaline bekommt man für 256 Euro eine Kreuzfahrt mit Zwischenstopps in Tallinn und Helsinki. Für den längeren Individualurlaub fährt man mit TT-Line günstig nach Finnland: Für fünf Personen und Auto kostet die Fahrt Travemünde–Trelleborg und Stockholm–Turku kombiniert 145 Euro. Alle Ostsee-Reedereien bieten Kurzkreuzfahrten über die Weihnachtsfeiertage und zu Silvester. Mit dem Rundum-Unterhaltungsangebot an Bord bleiben Winterfahrten eine Abwechslung, selbst wenn es draußen kaum hell wird und Regenwolken die Sicht auf den Horizont verhängen.

Nicolai Kwasniewski