Andreas Druschky ist erst seit einer Woche wieder da, aber er hält es schon wieder nicht mehr aus. Er verschränkt die Arme, zurrt sie um die kräftige Brust, schnürt sich ein in Muskeln, die sich unter dem Pullover wölben. Er kann nicht raus aus dem Zimmer, zumindest fühlt sich das so an, aus dieser "ewigen Baustelle", die eigentlich ein perfekt eingerichtetes Wohnzimmer ist, die Wände gelb, die Sofas blau, mit einem extrabreiten Fernseher von Grundig. Er hat die Türen abgeschliffen, den jahrzehntealten Lack entfernt in der ehemaligen Wohnung seiner Eltern im Berliner Arbeiterstadtteil Wedding, hat tapeziert, Wände durchgebrochen, alles ist neu. Und trotzdem: Das Entscheidende fehlt.

Er war acht Jahre auf Montage, Dachdecker, die meiste Zeit für eine Hamburger Firma, die Botschaften baute. Er ist viel herumgekommen, sogar nach Teheran. Wenn er im strömenden Regen in einem Rohbau stand und 30 Kilo schwere Bitumenrollen aufs Dach hievte, dachte er an das Geld, das er verdiente. Fast 30 Mark die Stunde, das war damals drin. Die Firma ging Pleite, und wenn er Glück hätte, verdiente er heute in Berlin 10 Euro, so tief sind die Löhne gefallen, aber das Glück ist weg. Es gibt keine Jobs in dieser Jahreszeit, es gibt selbst im Sommer keine. Er sagt, er habe alle Berliner Firmen durchtelefoniert.

Er war acht Monate arbeitslos, dann kam endlich ein Anruf vom Arbeitsamt. Eine Schweizer Firma lud zum Info-Nachmittag in Tegel. Druschky war einer von 40, die dem Vortrag lauschten. Ein Mann im Anzug redete von einem Großauftrag, Baustellen in Zürich, gutem Verdienst. Druschky trug sich in eine Liste ein und wartete. Er wartete zwei Monate lang. Dann klingelte das Telefon, ein paar Tage später saß er im Auto. Er mietete eine Wohnung in Zürich. Es waren viele Deutsche da, geschiedene Männer auf der Flucht, Aussteiger, die ihr Geld verprassten. Wenn die anderen abends saufen gingen, ging Druschky nicht mit. Ein Jahr wollte er bleiben, 5000 Franken im Monat verdienen, er sah plötzlich einen Ausweg.

"Australien", sagt er, "das ist ein Wahnsinnsland." Er kennt Australien nur aus dem Fernsehen, obwohl ein Onkel dort lebt. Sicher werden dort auch Dachdecker gebraucht, und das Wetter ist besser. 100000 Euro genügten als Startkapital, er vertraut seinem Gefühl. In fünf Jahren könnte er das Geld ansparen mit einem Job wie dem in der Schweiz. Fünf Jahre noch, dann fände er einen Weg aus dem deutschen Grau, dem nicht existierenden Arbeitsmarkt, der Wohnung, in der er mit seinen Eltern lebte; die Mutter ist gestorben, der Vater ist meistens im Schrebergarten. Nach einem Monat in Zürich wurden die neu angestellten Deutschen von einem Tag auf den andern entlassen. Der Großauftrag war geplatzt.

"Wir waren Fleisch, mit dem die kalkuliert haben", sagt Andreas Druschky. Er lacht auf, aber sein Gesicht lacht nicht mit. Er trägt am ganzen Körper adidas, dazu die passenden Turnschuhe, er ist jeden Moment auf dem Sprung. Er hat mal American Football gespielt. Er ist einer, wie ihn Politiker sich wünschen, die über träge Arbeitnehmer jammern. Er hat ja auch keine Wahl. 600 Euro Arbeitslosengeld. Für einen guten Job würde er überall hingehen, trotz Freundin in Berlin; die macht gerade ihr Abitur nach, will selbst noch so viel erreichen. Wahrscheinlich ähnelt sie ihm. Er ist flexibel bis in die Knochen. Das wird er beweisen.

An der Wand steht ein Computer, ein teures Ding mit Flachbildschirm. Es ist das Symbol einer Niederlage, jetzt muss es das eines Neubeginns werden. Er hatte sich selbstständig gemacht vor drei Jahren, als Dachdecker, scheiterte, verlor viel Geld und Vertrauen. Manche Auftraggeber hätten nie vorgehabt, ihre Rechnungen zu bezahlen, sagt er. Jetzt sucht er im Internet nach Jobs in Südfrankreich und Spanien. Er ruft sogar bei Touristeninformationen an, um auf Englisch zu fragen: "Wo wird gerade gebaut?" Im Sommer will er es in Schweden und Norwegen probieren, in der Schweiz hat er sich bei einem Dutzend Zeitarbeitsfirmen gemeldet. Am liebsten würde er 60 Stunden die Woche schuften, sagt er, ab sechs Uhr morgens, sechs Tage die Woche, so kommt am meisten Geld rum. Wenn er es genau bedenkt, hat ihm der kurze Job in der Schweiz "viel Hoffnung gemacht". Seine Arme haben sich ein wenig gelockert. Er ist 34 Jahre alt, mit 40 wird er nicht mehr hier sein. Er muss dringend hier raus.

Es ist schon lange dunkel, wenn Karin Freitag von der S-Bahn-Station Lankwitz nach Hause läuft. Die Tagesarbeit ist getan, und der Winter hat die Stadt ausgeknipst, sie ist unsichtbar mit ihren Herausforderungen. Nur die Zahlen sind noch da. Sie tanzen vor Karin Freitags Augen, manchmal sogar im Schlaf: Miete, Strom, Telefon, jedes Wort eine Summe, die monatlich bezahlt werden muss. Sie kennt jede einzelne, bis auf den Cent, die Liste ist lang. Karin Freitag hat 1200 Euro netto im Monat, zwei Töchter und keinen Mann.