Es ist wieder so weit, und niemand kann behaupten, er hätte es nicht gewusst. Seit drei Jahren steht der Starttermin des dritten Herr der Ringe- Teils fest, vorbereitet von einer global konzertierten Marketing-Kampagne, kritisch beäugt von global vernetzten Fanbewegungen. Inzwischen wäre es wahrscheinlich leichter, Weihnachten oder Neujahr zu verschieben als Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs. Euphorische Verleiher streuen, dass Peter Jacksons Trilogie schätzungsweise 2,5 Milliarden Dollar einspielen wird, glückliche Interviewer teilen uns mit, dass Viggo Mortensen in Wirklichkeit noch besser aussieht als auf der Leinwand, und emsige Rechercheure fanden heraus, dass die neuseeländische Filmbranche, von den Dreharbeiten zum Herrn der Ringe beflügelt, demnächst sogar die Einkünfte aus der Schafs- und Wollindustrie in den Schatten stellen wird.

Ein Film, dessen endzeitliche Schlachten mit der ganzen Pracht computeranimierter Cinemascope-Orgien über den Zuschauer hinwegdonnern, lässt sich kaum mit kleingeistiger Filmphilologie bekritteln. Wer wollte der "ökonomisch, technisch und wohl auch semiotisch bedeutendsten Filmserie zu Beginn des neuen Jahrtausends" (Georg Seeßlen) in die munter brodelnde Fantasy-Suppe spucken?

Es wird ja auch einiges geboten: Im letzten Teil, Die Rückkehr des Königs, steigern sich Jacksons kriegerische Gemälde zu atemberaubenden Panoramaperspektiven, und die Kamera schwingt sich gottesgleich über die ornamental wuselnden Massen. Riesenelefanten, Riesenspinnen, Riesenarmeen, Riesenrammböcke, Riesengeschrei! Wieder sehen sich Tolkiens Recken, der Elbe Legolas, der Zwerg Gimli und der Königssohn Aragorn, einem unermesslich überlegenen Gegner gegenüber, der sich nur durch Magie – den Bund mit einer Armee der Toten – bezwingen lässt: Wie ein Pixelkeil fährt die Kamera in den dunklen Haufen der Feinde hinein.

So monolithisch die Superlative und technischen Leistungen der Ringe- Trilogie in der globalen Blockbuster-Landschaft stehen, so verbissen stürzte sich die Kritik von Anfang an auf die freiliegende Flanke der Unternehmung: ihren symbolischen Gehalt. Gerade die semiotische Offenheit der von Tolkien hemmungslos aus allerlei Binnenepen zusammengerührten Ringe-Mythologie beflügelte die Fantasie. Parallel zu den Leinwandkämpfen um Helms Klamm, Isengard und Minas Tirith tobte die Schlacht der Exegeten. Bereits im vergangenen Jahr interpretierten US-Kritiker den heimischen Erfolg von Jacksons Filmen im Zusammenhang mit dem 11. September als nationale Reise in eine mythische Vergangenheit, in der Böses vergolten und Tugend belohnt werde. Der britische Literaturwissenschaftler Stephen Schapiro unterstellte dem Neuseeländer Jackson gar, er habe die Orcs, aus schwarzem Urschlamm geformte Söldnerheere, mit den Zügen der Aborigines versehen.

Tatsächlich hat Jackson ein Buch verfilmt, das mit seiner enzyklopädischen Fülle der Arten, Rassen, Stämme und Spezies durchaus einen vormodernen clash of cultures erzählt. Andererseits ist das raunende Romankonglomerat ein derart komplex verwuseltes und damit vages Feld, dass es im Lauf der letzten fünf Jahrzehnte kaum eine gesellschaftspolitische Regung gab, die sich nicht zwischen seinen Zeilen wiederfinden ließ: von den rassistischen Reflexen des untergehenden britischen Empires über die faschistische Untermenschenideologie und die Parallelen zu den Computerspielen bis zur Identifikation der Hippies mit den friedliebenden Hobbits.

Wen wundert es also, dass der letzte Teil, in dem Frodo den bösartig korrumpierenden Ring endlich ins Feuer des Schicksalsberges wirft, als Widerspiegelung bushistischer Erlösungsfantasien gelesen wird? Zieht der christusgleiche Recke Aragorn nicht mit dem Schlachtruf "Für die Länder des Westens" in den Endkampf? Und sehen die horizontfüllenden Armeen der schwarz verpickelten Uruk-Hais nicht aus wie der Al-Qaida-Albtraum des amerikanischen Vorstädters?

Tatsächlich zieht sich die Achse des Bösen durch Tolkiens Mittelerde so schnurgerade wie durch die Rhetorik des George W. Bush.

Und doch: It’s only a movie. Schließlich kann Jacksons Film wohl kaum etwas dafür, dass in Politikerköpfen die gleichen infantilen Dichotomien spuken wie in den populären Mythen des Fantasy- und Abenteuerkinos. Warum um alles in der Welt sollte man dem Herrn der Ringe anlasten, dass sich ein amerikanischer Präsident dazu entschlossen hat, im gleichen Film zu kämpfen?