Wovor muss man Venedig schützen: vor dem Hochwasser, dass an den Fundamenten der Palazzi nagt? Vor den Touristen, die Fassaden in genau jener Art "ab"-fotografieren, die Marlene Dietrich einst beklagte, als sie sagte, sie sei "zu Tode fotografiert" worden? Oder sollte man Venedig gar vor Donna Leon schützen, weil es nicht als PR-Effekt für triviale Mordliteratur und deren Autorin herhalten möge? Nein: Wir können Venedig nicht schützen, am wenigsten vor der Ausbeutung durch das Auge. Aber wir können uns hier selbst schützen: vor dem Tempo der Zeit. Das kostet Geld; in Venedig kostet es viel Geld. Weil Schutz aber jedes Geld wert ist, wohnen wir hier in einem jener Hotels, deren bloßer Name bereits die Sicherheit großer Vergangenheit vermitteln: Danieli. Blickt man von außen an der roten Fassade des venezianischen Palasts aus dem 14. Jahrhundert empor, so findet man das Zimmer Nummer 71 in der Mitte des zweiten Stockwerks exakt über den goldenen Buchstaben von A bis E des Hotelnamens. Einen schöneren Logenplatz auf die Lagune, auf die Giudecca mit ihren Palladio-Kirchen, auf San Giorgio und San Salute gibt es nicht. Hinter der verhältnismäßig kleinen Holzdrehtür tut sich ein imposantes Atrium auf. Stilistisch mehr Harem als Hotelhalle; mit maurischen Bögen und marmornen Säulen, orientalischer Pracht und goldverzierten barocken Kassettendecken.

In der Schranktür des Zimmers 71 steht die Zahl 1050 Euro pro Nacht. Da schaut man zweimal hin. Das Zimmer mit der gigantischen Aussicht ist mit antiken Möbeln eingerichtet. Und doch: Was lässt sich als Patina liebevoll verklären, und was lässt sich nicht mehr als historischer Edelrost akzeptieren, weil es ganz einfach renoviert gehört? So finden sich auf der Wandbespannung von Zimmer 71 deutliche Spuren ehemaliger Feuchtigkeitsränder. Auch muss es wohl ein Garderobenspiegel gewesen sein, der einst gegenüber des Badezimmers zu Bruch ging. Er wurde entfernt, aber leider nicht ersetzt. Die floral geschwungenen dunklen Abdrücke auf der seidenen Tapete im Eingangsbereich weisen zumindest auf Jugendstil hin. Im Mercure-Hotel in Braunschweig würden wir uns darüber maßlos aufregen – hier in Venedig verklärt unser liebender Blick solch Makel.

Dass sich auf der Dachterrasse mit ihrem überwältigend schönen Panorama jener internationale Standard durchgesetzt hat, der sich in den bekannten weißen Plastikstühlen ausdrückt, macht traurig. Natürlich ist ganz Venedig ein Wellness-Bereich namens Melancholie, der besonders im Herbst und im Winter erlebt sein will. Doch bei diesen Plastikstühlen an diesem Ort (sie haben auch die nicht weniger berühmte Terrasse des Gritti erobert) kippt Melancholie zuweilen in tiefe Traurigkeit um. Auch hier geht mehr unter als nur Venedig. Und wir sind davor nicht einmal mehr im Danieli sicher.

Pascal Morché

Hotel Danieli, Riva degli Schiavoni, 4196. 30122 Venezia, Italia. Tel. 0039-0415/226480, Fax 0039-0415/200208, www.luxurycollection.com/danieli. EZ inklusive Frühstück ab 250 Euro. DZ inklusive Frühstück ab 350 Euro. Beides "inner view". DZ inklusive Frühstück "lagoon view" ab 520 Euro