Der Kommentar von Manfred Stolpe war abgebrüht wie immer, als in der vergangenen Woche wieder einmal über seine Stasi-Verstrickung berichtet wurde. Die Anschuldigungen enthielten "nichts Neues", so Stolpe. Das mag stimmen - aber nur für jemanden, der schon bisher davon überzeugt war, dass der frühere Brandenburger Ministerpräsident und heutige Bundesverkehrsminister dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) einst als Inoffizieller Mitarbeiter gedient hat.

Wer bisher geneigt war, an Stolpes Unschuld zu glauben, muss nun ein weiteres Indiz ignorieren: In dem 1261 Seiten dicken Aktenpaket zum Thema Evangelische Kirche und MfS, das die Birthler-Behörde jetzt an Journalisten weitergegeben hat, findet sich ein Rapport über das Ergebnis der Verpflichtungsbewegung der operativen Mitarbeiter aus dem Februar 1970. Darin schreibt die Hauptabteilung XX, 4 des MfS, die für die Beobachtung von Religionsgemeinschaften zuständig war, sie habe den Sekretär des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR als "IM Sekretär" geworben. Dieses Amt hatte damals Manfred Stolpe inne.

Bislang war aus Stasi-Akten bloß eine Registrierung Stolpes herauszulesen - und die hat er stets mit seinen dienstlichen MfS-Kontakten erklärt. Nun wurde erstmals ein Dokument bekannt, das von seiner Anwerbung spricht. Doch die Öffentlichkeit gähnt längst bei jeder Kombination der Worte Stasi und Stolpe.

Es ist sein Glück, dass seine Verstrickungen Aktenblatt für Aktenblatt und über mehr als zehn Jahre verteilt bekannt werden. Und dass er Politiker ist.

Jeder Angestellte im öffentlichen Dienst wäre bei ähnlicher Indizienlage längst entlassen.