Teheran

In Mohammed Rafsandschanis Minenspiel spiegeln sich Zufriedenheit und leiser Spott. "Schirin Ebadi?" Der Bruder des ehemaligen iranischen Staatspräsidenten, ein konservativer Hardliner, macht eine Pause, nimmt einen Schluck Tee und sagt: "Wenn ich recht informiert bin, dann haben diesen Preis Menschen wie Menachem Begin und Schimon Peres gewonnen …" Es folgt ein Lächeln. Rafsandschani hat die Friedensnobelpreisträgerin quasi im Vorbeigehen erledigt. Jedenfalls innerhalb des Gedankensystems eines iranischen Konservativen: Was soll ein Preis schon wert sein, den auch Zionisten erhalten haben? Nichts.

Natürlich ist Schirin Ebadis Auszeichnung eine Provokation für die Vertreter des konservativen Establishments wie Rafsandschani einer ist. Er kann das aber leicht übergehen. Im Augenblick zählen andere Dinge. Der Irak zum Beispiel. Vor Kriegsbeginn im März wollte George W. Bush seine Demokratisierungskampagne auf die Islamische Republik Iran ausdehnen. Der Krieg im Irak aber ist nicht vorüber. Er zehrt an der Kraft des amerikanischen Riesen. Da bleibt nicht mehr viel Schwung übrig, um Teherans Regime zur Demokratisierung zu zwingen. Die USA versuchten bis vor wenigen Wochen Iran wegen seiner Nuklearrüstung vor den UN-Sicherheitsrat zu zerren. Immerhin hatte das Land 18 Jahre lang an der Bombe gebastelt, vorbei an allen internationalen Kontrollen und entgegen allen Auflagen. Im letzten Augenblick jedoch gab die iranische Regierung nach. Sie erlaubte Kontrollen in ihren Atomanlagen und verpflichtete sich zur Unterschrift unter das Zusatzprotokoll des Nichtproliferationsvertrages. Die Gefahr von UN-Sanktionen ist vorerst gebannt.

Nicht Revolution ist das Stichwort, sondern Implosion

Die Genugtuung Rafsandschanis ist also zu verstehen, und sie ist selbst noch in der lässigen Art, wie er nach den Pistazien greift, zu erkennen. Alles läuft wunderbar für die Konservativen. Und es wird aller Voraussicht nach noch besser laufen.

Im Februar stehen Parlamentswahlen an, diese Woche beginnt die Registrierung der Kandidaten. Die Konservativen sind nach den Prognosen drauf und dran, eine Mehrheit zu gewinnen – nicht etwa, weil sie populär sind, sondern weil die Wähler den Reformern Versagen vorwerfen. Ein großer Teil der Iraner wird deshalb aus Enttäuschung nicht zur Wahl gehen, genauso wie bei den Kommunalwahlen im vergangenen März. In Teheran betrug die Wahlbeteiligung gerade einmal 15 Prozent. Mit dem Ergebnis, dass ein islamistischer Eiferer das Bürgermeisteramt eroberte. Sollte allerdings der Wächterrat allzu viele Kandidaten ablehnen, so könnten die Reformer um Präsident Chatami die Wahl sogar boykottieren. Alles dies ist eine Folge des jahrelangen Abnützungskrieges zwischen dem Wächterrat und Präsident Mohammed Chatami. Alle wesentlichen Reformen schmetterten die sittenstrengen Islamgelehrten ab. Vielen ist das ein Beweis dafür, dass das System, das nach der Revolution von 1979 geschaffen wurde, nicht reformierbar ist. Rafsandschani freilich lehnt diese Interpretation ab. "Wenn die Reformer die Alltagsprobleme gelöst hätten, dann würden sie die Menschen auch wählen!" Wieder lächelt er, als wüsste er nichts von der Blockadepolitik durch seine Weggefährten.

Die Selbstsicherheit Rafsandschanis speist sich deshalb nicht nur aus der aktuellen internationalen Lage – sie nährt sich von einem weit verbreiteten Erschöpfungszustand der Bevölkerung. Fast acht Jahre nach der Wahl Mohammed Chatamis und dem großen gesellschaftlichen Aufbruch erliegen viele der trügerischen Hoffnung, das System könnte endlich zusammenbrechen, wenn die Wähler nur nicht zu den Wahlurnen gingen. Nicht Revolution ist das Stichwort, sondern Implosion.

Die Konservativen wissen natürlich, dass sie nicht geliebt werden. Da machen sie sich wenig vor. Sie verhalten sich pragmatisch und versuchen, das eigene Volk nicht allzu sehr zu provozieren. "Wir können über alles reden", sagt Rafsandschani, "solange wir nicht eine politische Causa daraus machen!"