Nein, das ist kein Hundekrimi. Auch kein Katzen-, Bullen-, Kinder- oder Frauenkrimi. Sondern ein ganz solide durchtriebener Hundehintergrundkrimi. Das heißt: Der Hund bleibt im Hintergrund. Das ist das Wesentliche, und nachdem das ausgesprochen ist, soll nicht weiter von Hunden die Rede sein, sondern vom ganzen Rest dieser Aberration (für die wenigen Nichtlateiner unter uns: aberro = von etwas abkommen, abirren, das rechte Wort nicht finden; aberratio = Verwirrung, auch sexuell), die ein gewisser Heinrich Steinfest unter dem Titel Ein sturer Hund jüngst der Welt anheim gegeben hat.

Rein romantechnisch kommen mehrere Personen als sture Hunde infrage. Da gibt es den Schriftsteller Moritz Mortensen, der im Nebenberuf Haustiere hütet. Da gibt es den Privatdetektiv und chinesischen Wiener Markus Cheng, und es gibt Lauscher. Von Letzterem heißt es: "Manchmal kam es Cheng vor, als sei Lauscher zwar ein zum Denken fähiges Wesen, das jedoch im allerersten Gedanken seines Lebens quasi hängengeblieben war und nun – durch diesen Gedanken wie durch einen zähen Teig tretend – sich in Form einer andauernden Verzögerung durchs Leben bewegte." Nimmt man diesen Gedanken für bare Münze und spekuliert einmal recht drauflos, dann ist der wahre Hund – der Roman. Denn der bewegt sich wie Lauscher. Steinfests Roman ist (Kunstindiz!) ein um sich kreisendes, ein selbstreferenzielles System. Jedes Motiv spiegelt den Leserblick in ein leeres Zentrum. Bei Lauscher "handelte sich um einen Hund. Einen merkwürdigen Hund, dessen kleiner Körper und kurze Beine einen muskulösen Eindruck hinterließen. Wobei nicht jene Kraft gemeint ist, die einem der Anblick von Kampfhunden suggeriert. Oder der Anblick von Sprintern. Nein, es war die Kraft, die nötig war, um einfach stehenzubleiben. (…) Im ersten Moment war es jedoch etwas anderes, das auffiel: nämlich seine Ohren, die viel zu groß waren, viel zu hoch über seinem kleinen Dackelschädel aufragten. In der Tat, dieser Hund machte auf Mortensen den Eindruck eines Hutträgers. Eines sturen Hutträgers." Kenner erkennen: Hier geht es nicht um einen Hund, sondern um eine Parodie. Da ist der Hund begraben.

Steinfest lebt in Stuttgart (Wieso? Ein ewiges Rätsel), ist aber Wiener. Dort gibt es einen anderen Wiener namens Haas, Vorname: Wolf. Und dieser Haas hat kürzlich seine durch und durch sprachverschnörkelte Krimiserie um einen Kommissar aus Puntigam eingestellt, nicht ohne sich vorher mit der besten Hundekrimisatire aller Zeiten zu verabschieden, titelmäßig voll auf Metapher: Wie die Tiere. Also: nicht wie Kommissar Rex. Und nun setzt der Autor eins drauf. Wo Haas den Verirrungen der Tier-, respektive Hundeliebe nachgeht, dreht Steinfest einen ganzen Roman, Hexenkessel Stuttgart samt europäischer Umgebung, um einen Hund.

Nachdem jetzt in aller Deutlichkeit klargestellt ist, dass Steinfest ein Meister der optischen Täuschung, des literarischen Trompe-l’Œil ist, kommen wir der Angelegenheit näher. Immer im Hintergrund: Lauscher, der dackelähnliche Huthund des Privatdetektivs. Im Vordergrund besucht Schriftsteller Mortensen täglich die Bibliothek, um die Ausleihquote seiner Werke zu beobachten. Endlich taucht einmal ein Leser auf. Und ausgerechnet dieser eine Leser wird, noch bevor er auch nur einen der drei Romane Mortensens lesen konnte, umgebracht. Mortensen, der seinen einzigen Leser nicht aus den Augen lassen konnte, hat es vom gegenüberliegenden Fenster aus genau gesehen. Schnapp! hat eine wunderschöne Kneipenbekanntschaft Mortensens Leser den Kopf abgeschnitten und ins Aquarium gelegt.

Nie gab es ein wundervolleres, edleres Motiv für die kriminalistische Jagd nach dem Täter!

Und so beauftragt Mortensen, nunmehr gänzlich ohne Publikum, Markus Cheng, den chinesischen Detektiv ohne Arm, samt seinem Hund Lauscher, den Fall aufzuklären. Der in etwa so kompliziert ist, als hätte Magritte, von Picasso (in seiner kubistischen Phase) beraten, das Storyboard dazu entworfen. Zum Glück hält wenigstens Lauscher, in seinen Gedanken versunken, still. Alles andere dreht sich immer doller. Die wilde Jagd führt aus Stuttgart (dem "größten Vorort Deutschlands", Steinfest in Der Mann, der den Flug der Kugel kreuzte) auf die Alb, wo sich, wie immer schon vermutet, europäische Geheimdienste, Serienkillerinnen, trinkende Dorfbewohner und Psychiater gute Nacht sagen. Und hin und wieder fällt ein Kopf. Einzig Cheng blickt kurzfristig durch. Denn er liest fleißig in seinem Detektivhandbuch: "Auf ein Wunder zu hoffen ist nicht von vornherein unvernünftig. Das Wunder ist Teil der Natur." Und wiederholt sich immer neu. Ich wiederhole mich: Herrlich! Göttlich! Steinfest!