Die Oberbürgermeisterin von Tübingen, eine dieser hübschen Alleinherrscherinnen, hat neulich, sozusagen bei Nacht und Nebel, unzählige Fuhren gelben Sand auf die Straßen kippen lassen, überall dort, wo sich ihre Augen an den Ritzen zwischen den Pflastersteinen gestoßen hatten, bei ihren Gängen durch ihre Stadt. Seit Wochen sieht Tübingen aus wie eine flüchtig hingebaute Kulissenstadt am Rande einer großen Steppe, und an jeder Straßenecke, wenn der kalte Ostwind hereinbläst und man zu Boden sieht, auf den gelben Sand, oder wenn man auf dem Markt steht, einer schrägen versteppten holprigen und meistens jetzt wie gottverlassenen Ebene, obendran mit dem armen bunten Puppenstubenrathaus, glaubt man schon das Gepolter der Tatarenhorden zu hören, die gleich die ganze Kulisse niederreiten werden.

Nichts davon, aber so ist das eben mit Gedichten, die so gern beschwören, was war, nichts davon ist zu spüren, wenn man in einer eben erschienenen schönen Anthologie liest, Tübingen im Gedicht, herausgegeben von zwei Mitarbeitern jener berühmten Buchhandlung Heckenhauer, in der seinerzeit Hermann Hesse gelernt hat. Kay Borowsky, einer der beiden, ist selber Schriftsteller und ein großer Übersetzer von russischer und französischer Lyrik (siehe auch die Rubrik Das Gedicht), und der Band hat ein gutes Dutzend unspektakulärer, auf keinen Touristen spekulierender, fast altmodischer Fotos, die ein Nachfahr des damaligen Lehrherrn Hesses, Roger Sonnewald, gemacht hat, Fotos von vor der oberbürgermeisterlichen Versteppung der Stadt.

Ein Hexametergedicht aus dem Jahre 1534 leitet die Sammlung ein, dann kommt Nikodemus Frischlin, ein Humanist aus der nahen Steppe, bei Balingen (ein paar junge Leute, aber eher aus der nördlichen Pampa, haben erst neulich Nacht wieder drei arme Tübinger mitten in der Stadt niedergemacht, sie tobten mit einem Auto durch den Ort, und einer der drei hatte ihnen bloß nachgeschaut, als sie aus dem Auto eine leere Flasche nach ihm geworfen hatten), Frischlin war Poetikprofessor und stürzte zu Tode, als er aus der Festung Hohenasperg fliehen wollte, eine der großen und berühmteren Straßen heißt nach ihm, und er schreibt: "…Heimstatt der Christenheit, gelehrtes Tübingen, leb wohl!" – lateinisch naürlich, docta Tubinga vale! Und das Gedicht, denn der ganze Band ist schön durchdacht und fast verschwenderisch mit allem versehen, was man sich wünscht, hat unten dann genau jene ruhig und wie anspruchslos gegebenen Hinweise, wie eben einer sie gibt, der seine Leser für vernünftige Menschen hält.

Hölderlin dann also, Justinus Kerner, Uhland, zwischendurch ein gewisser James Henry aus Dublin, der im Jahre 1855 hier war und einige der hiesigen Berühmtheiten aufsuchte, er nennt Sigwart, Vischer, er gedenkt freundlich Frischlins und rät seinen Landsleuten, Riechsalz, Atemfilter und feste Stiefel mitzunehmen, wenn sie nach Tübingen kommen. Dann Gustav Schwab natürlich und Hauff und der unselige Wilhelm Waiblinger; und Mörike mit seinen zauberhaften Bebenhausen-Distichen – Bebenhausen ist ein Klosterdörfchen nahebei, in einem der schönsten Täler der Welt.

Und so weiter, und so weiter: Hesse, Rose Ausländer, Paul Celan; Peter Härtling, der hier neulich siebzig wurde; und die eher regionalen Größen: Eberle, Goes, Hannsmann, Poethen, Perfahl; und solche, die hier wohnen, mag ihr Ruhm auch weiter über die Region hinausgehen. Denn den größten Wert haben die Herausgeber wirklich auf die Lebenden gelegt, wenn man darunter auch die rechnen darf, die erst angefangen haben mit dem Leben, also bis hin zu den ganz Jungen, die, hier ansässig oder von weit her gekommen, womöglich plötzlich alles mit eigenen Augen sahen, Tübingen bedichteten. Auf hundertfünfzig Seiten diese Mixtur von Frischlins gelehrter Stadt der Christenheit und etwa Eva Zellers (sie lebt hier) bemerkenswerter Absage Hölderlins: "Er ist nicht hier gewesen … er zog nichts nach sich, er hinterblieb nicht … er ging nicht über die Brücke … er ist nicht hier gewesen", bis zu Daniil Mischins "über den Fluss kommen Schwäne gezogen", und "wie alles so selbstbewusst lebt" – diese auf keinen Eindruck irgendwie berechnete Mixtur von damals und heute, von berühmt und weniger berühmt, von groß und weniger groß macht wirklich Vergnügen, ein lebendiges, gar nicht antiquarisches Vergnügen. Gedichte, wie es aussieht: Wälle gegen die Steppe.