Haben sie es sich nicht alle redlich verdient, die da Abend für Abend härtesten Vorlesedienst am Kinde schieben – bis die Äuglein, die eigenen, mit einem sanften Schnäuflein zufallen –, haben sie alle nicht einmal eine kleine Belohnung verdient? Hier ist sie: Grimms Märchen, die klassischen, mit dem Text für die Kinder – und den Bildern für die (erwachsenen) Vorleser.

Eigentlich eine ganz einfache Idee. Der Berliner Verlag mit dem etwas märchenzaubrischen Namen Die Gestalten hat 23jüngere Künstler von (fast) allen Kontinenten um Bilder gebeten, denn Grimms Märchen sind ja das einzige deutschsprachige Buch, das wirklich die ganze Welt gelesen hat. Und so kamen sie, die Schneewittchen und Dornröschen, die Goldesel und tapferen Schneiderlein aus Japan, Argentinien und Australien, aus den USA, aus Dänemark und Brasilien.

Es sind sehr freie, fantastische Illustrationen. Spielen mit allen Techniken und Stilen. Grüßen hier ironisch den Art déco, dort die Pop-Art, sind mal bonbonbunt gepinselt, mal karg gekritzelt – Comic, Collage, Holzschnitt, Kohlezeichnung, harter Scherenschnitt.

Oft erzählen sie neben Grimms vertrauter Weise ihre eigene Geschichte, nicht immer einfach zu entschlüsseln. Ein Hauch von Märchen-Documenta liegt über den Seiten. Ob’s den Kleinen gefällt, sei dahingestellt – obwohl: Sind die übelsten Avantgardisten nicht, diese Kinder!

In jedem Fall aber ist es, nun, für uns Alte ein herrliches Vergnügen. Frau Holle verliert sich in schneeflockenzarter Abstraktion, Aschenputtel im Ornament der Leidenschaft. Schneeweißchen und Rosenrot schweben durch psychedelische Seeanemonen, und mit geradezu Kreuzberger (oder Marzahner) Schärfe tritt uns in den Scherenschnitten des Berliners Hendrik Hellige der Junge entgegen, der auszog, das Fürchten zu lernen…

Ein Buch des Monats? Des Jahres? Eines der schönsten Buchkunstwerke seit langem!