Wer gleich, ohne Umstände und möglichst im ersten Satz, wissen möchte, warum dies ein herrliches Buch ist, kann die Antwort haben: Es handelt sich um ein Genussmittel. Das Buch ist amüsant und hebt so die Laune, füllt die geistigen Vorräte auf, man trifft interessante Leute und sieht Dinge von großer Schönheit, es gibt auch jede Menge zu tun und noch mehr Anregungen, sich neugierig auf die Welt zu stürzen. Die Sache mit dem grünen Daumen kommt, mit anderen Worten, dem wahren Gärtnern, dem mit Gummistiefeln und Spaten, Austausch von interessanten Pflanzenexemplaren, Fachsimpeln mit anderen Fanatikern, dem Ausschwärmen in die Welt auf der Suche nach immer mehr Garten, kommt also dem gärtnerischen Alltag auf verblüffende Weise nahe. Aber vielleicht sollte man genau das den Kindern nicht sagen, die ja bekanntlich nichts so hassen wie gärtnern, womöglich noch mit Mama oder Papa. Vielleicht sagt man es ihnen so: In diesem Buch lernt ihr, wie man im Kinderzimmer einen Urwald anpflanzt, in der Küche eine Vogelmieren-Suppe kocht, mit Blättern falsche Blüten druckt, aus Schulbüchern ein Hortensienballett herauspresst und Liebesbriefe nach Türkenart verfasst – "Narzisse: Habe Mitleid mit meiner Leidenschaft – Alpenveilchen: Ich bin aber sehr schüchtern…! (Und nebenbei kommt noch etwas über Albrecht Dürer und den Regenwurmblick heraus, die Vererbungslehre, die Linnésche Ordnungssystematik und die Symbolik mittelalterlicher Mariendarstellungen). Ein Buch also als Glücksfall.

Wenn ein Buch Glück hat, hat es eine Autorin, die ein breites Repertoire bespielt. Elke von Radziewsky ist Kunsthistorikerin und Mutter zweier Töchter, führt als Journalistin eine pointierte Feder, ist gartennärrisch und unternehmungslustig. Deshalb finden sich in diesem Buch als Illustrationen Köstlichkeiten wie den Kaktusdruck von Hieronymus Kniphof, eine Alraunenallegorie des Mittelalters oder die Blumenhalskrause des toten Tutanchamun. Radziewsky formuliert ohne Anbiederung, aber doch sehr witzig. Der Mammutbaum Metasequoia, der es seit 100 Millionen Jahren auf der Erde aushält, nennt sie "einen echten Durchhaltetyp". Sie erklärt, warum der große Dichter Goethe, auch Minister, Gartenbetreiber, Schreiber endloser Briefe (spöttisch: "in denen er all das mitteilte, was ihn interessierte"), auch noch zum Botanisieren kam – er guckte nicht fern, telefonierte nicht ewig, flog nicht dauernd in Urlaubsparadiese und war an keinen Achtstundentag gebunden: "Er nutzte seine Zeit für das, was ihn interessierte", man kann das als melancholische Lebensweisheit verstehen. Und findet, mit Radziewsky, in der Reihe der großen Botaniker endlich mal die handfeste Amalie Dietrich, die schon im 19. Jahrhundert die Röcke hochraffte und in Australien auf Pflanzenjagd ging. Ein Buch, das übrigens besonderes Glück hat, hat es doch gleich zwei erfinderische Frauen im Rücken, weshalb sich hier als Centrefold der Schnittbogen eines Pflanzenorakels findet, ein bespielbares Kunstobjekt von Antje von Stemm, die sich Papieringenieurin nennt, zu Recht.

Diese Geschichte der Botanik ist eine Kulturgeschichte, hier lesen wir sie als Sittengeschichte, sie kommt auch als Charakterstudie daher. Da gibt es Leute, die ihr Leben riskieren für ein Pflanzenexemplar, das sie noch nicht einmal kennen! In die Einsamkeit der Bergwelt flüchten, weil sie hier die Gesellschaft der Pflanzen spüren. Und man stelle sich Gregor Mendel vor, krank vor Prüfungsangst, wie er sich bei Mutter Kirche verkroch, im Kloster, wo es so gutes Essen gab, dreimal am Tag, und er zwischendurch ein wenig mit den Erbsen hantieren durfte. Die Sorte Mensch, über die Erwachsene gerne lächeln. Aber Kinder? Werden das schon verstehen.

LUCHS 203 wurde ausgewählt von Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 18. Dezember, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen- Funkhaus Europa das Sachbuch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch zum Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de