An Bord der Sally-Anne, an einem kalten und trüben Morgen im Sommer des Jahres 1722, verlässt die 16-jährige Nancy Kington ihre Heimatstadt Bristol. Die Reise geht nach Jamaika, wo ihr vor wenigen Tagen verstorbener Vater, ein Zuckerkaufmann und Sklavenhändler, Plantagen besaß. Was werden soll, weiß das junge Mädchen nicht, ihre zwei Brüder verraten es nicht. Ein trauriger Abschied, die Stadt ihrer Kindheit verschwimmt im Regen: "Der Himmel weinte an meiner Stelle. Kummer hüllte mich ein wie mein durchnässter Umhang." Den Weg aus dem Hafen säumt ein letzter makabrer Gruß, "ein Galgen knapp über dem Wasser, an dem irgendein armer, verurteilter Seemann, geteert und in Ketten gelegt, in einem eisernen Käfig baumelte, um jedem vorüberfahrenden Schiff eine Warnung zu sein".

Geradezu klassisch also eröffnet die englische Autorin Celia Rees ihren historischen Abenteuerroman, eine Geschichte aus der Hochzeit des Sklavenhandels und der Piraterie. Die wahren und bemerkenswerten Abenteuer von Minerva Sharpe und Nancy Kington lautet der Untertitel. Das unterstreicht den Impetus dieses Buches, es will das Genre der alten Seefahrergeschichten zu neuem Leben erwecken. Schwere Nachfolge, möchte man sagen, hat doch erst jüngst Bjarne Reuter mit Prinz Faisals Ring rundum überzeugend und mitreißend eine derartige Wiedergeburt inszeniert.

Umso erfreuter spürt man von den ersten Seiten an, dass Celia Rees ein gesättigtes, atmosphärisch dichtes Buch gelungen ist, wie Momentaufnahmen erscheinen Landschaften, Orte und Szenerien. Ob das Wirrwarr im Hafen, die Herstellung des Zuckers auf der Plantage oder das Aufnahmeritual bei den Piraten, immer zieht der Blick fürs Detail den Leser ins Geschehen.

Auf Jamaika wird Nancy Kington, sie weiß kaum, wie ihr geschieht, die neue Besitzerin der Plantage ihres Vaters. Aber das ist nur der erste Teil des Plans, den ihre Brüder im Namen des Vaters verfolgen. Nancy soll heiraten, einen reichen und berüchtigten Freibeuter, Bartholome, den Brasilianer, ein Geschäftspartner ihres Vaters. Die Zwangsheirat soll neues Geld ins marode Familienunternehmen bringen. Und wie im Taumel hört Nancy wieder die Stimme des Vaters: "Du wirst deinen Beitrag leisten, nicht wahr? Für mich, für die Familie?" – "Natürlich, Papa", hatte sie damals ahnungslos geantwortet. Jetzt weiß sie, was dahintersteckt: "Sie hatten mich genauso verkauft wie die Afrikaner, die sie von der Küste Guineas übers Meer schifften."

Nancy will keine Herrin über Sklaven sein, sie will Bartholome nicht heiraten. Und mit Minerva Sharpe, einer Sklavin, mit der sie Freundschaft geschlossen hat, ergreift sie die Flucht. Den zwei Mädchen gelingt es, bei den Piraten anzuheuern. Ein wenig vorgestanzt wirkt die Geschichte bis hierhin schon. Merkwürdig: So stimmig und detailliert die Szenerie, die Figuren selbst verharren doch im Illustrativen, sind gut oder böse und finden nicht so recht ein Eigenleben. Bei den Piraten geht’s uns da besser, Nancy lernt das noch: "Du bist jetzt eine Gesetzlose. Ganovenvolk hält zusammen."

In diesem Sinne geht es auf Große Fahrt. Ein gefahrvoller Kurs über die Weltmeere, Nancys Angst vor dem geprellten Freier Bartholome fährt immer mit. Zu Recht, eines Tages kreuzt er auf und findet sie. Eine widerliche Inszenierung hat er sich da ausgedacht. Doch dann gönnt Minerva ihm nicht mehr als einen sehr abgekürzten Auftritt. Zu guter Letzt stimmt die Prise, für die Mädchen, für den Leser.