Brüssel

Was nun, Europa? Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker riet nach der gescheiterten Regierungskonferenz über den ersten europäischen Verfassungsentwurf erst einmal zu einer "langen, langen Denkpause". An deren Ende könnte, sinnierte zur selben Zeit Gerhard Schröder, "ein Europa der zwei Geschwindigkeiten stehen", freilich nur, wenn der schöne Traum von der Verfassung verflogen und damit "die Logik des Scheiterns" unleugbar sei. Bloß nicht diesen Gipfel in apokalyptischer Manier darstellen, warnte Tony Blair, es gebe hier "keine Krise mit einem großen K", beschied Jacques Chirac, und auch Joschka Fischer mochte das schnöde Wort vom Scheitern nicht in den Mund nehmen. So zerstritten die Staats- und Regierungschefs das kurze Brüsseler Gipfeltreffen auch verließen, ohne die versprochene Verfassung unterm Arm, so hörbar waren sie sich einig im Beschwichtigen und Besänftigen. Freilich klangen ihre letzten Worte wie jene mittelalterlichen Zaubersprüche, die weiland über lädierten Pferdegliedern gemurmelt wurden: "Insprinc haptbandun, inuar uigandun" – "Entspringe den Banden, entfleuche den Feinden".

Dem Pferdefuß half das nur selten, und auch Europa braucht für seinen Sprung aus den Banden des Scheiterns mehr als nur Wortmagie. Frankreichs Präsident wärmte seine Lieblingsidee von einer Pioniergruppe auf, andere empfahlen in den Kulissen des Brüsseler Lipsius-Baus eine "Avantgarde" als Auferstehung nach dieser Apokalypse. Doch die meisten Beobachter nahmen Zuflucht beim Wort von "Kerneuropa". Wolfgang Schäuble und Karl Lamers hatten es schon 1994 der classe politique, den chattering classes, in den Mund gelegt. Im größer werdenden Europa, so ihr Gedanke, könnten einige Mitglieder auf dem Tugendpfad der Integration vorangehen, keinesfalls solle der Willige auf den Unwilligen warten müssen.

Der Verfassungsentwurf war ein Gegenmodell zu Kerneuropa: der kühne Versuch, es mit 25, ja 28 Mitgliedern doch noch gemeinsam zu schaffen und Erweiterung und Vertiefung dieser Union auf einen Streich zu machen. Die Vertagung dieser Verfassung bis zum Sanktnimmerleinstag verleiht nun der Idee vom Kerneuropa neuen Schwung.

Wer da mit wem kann oder mag, wurde in zahllosen Gesprächen auf fensterlosen Fluren im Brüsseler Ratsgebäude, beim Frühstück in Nobelhotels oder beim Sushi im eleganten japanischen Restaurant rasch sichtbar. Natürlich steckten wieder Jacques und Gerhard die Köpfe zusammen, aber diesmal waren bei der "Kerntruppe" auch Tony dabei und erneut Guy (Belgiens Premier Verhofstadt) und Jean-Claude (der Luxemburger hätte kurz nach seinem Geburtstag ein anderes Gipfel-Geschenk verdient gehabt). Der Österreicher Wolfgang Schüssel will nicht beiseite stehen, sein Land gehöre "wie immer zum Herzen Europas", und im Übrigen sei es "in unserem Interesse, lieber mitzubestimmen als andere bestimmen zu lassen". Überraschend streckten auch der Tscheche Vladimir pidla und der Ungar Péter Medgyessy die Hand nach Kerneuropa aus. Sie wissen spätestens seit dem polnischen Alleingang um Subventionen auf dem Kopenhagener Gipfel vor einem Jahr, dass es keine Solidarität unter den Neulingen gibt, sondern nur Interessen.

Wenn es des Beweises noch bedurft hätte: Das künftige Europa kennt keine Frontlinien entlang des einstigen Eisernen Vorhanges. Da steht nicht Neu gegen Alt. Das bewies bereits die alliance contre nature zwischen Spanien, das seinen Zugang zu den Brüsseler Fleischtöpfen sichern will, und Polen, das nicht kapiert, dass es sich dafür verkämpft, dem spanischen Freund künftig die Subventionen für Autobahnen in der armen Estremadura zu sichern, die dann rein rechnerisch den armen Bauern um Bialystok fehlen.

Mit der tschechisch-ungarisch-österreichischen Lust auf Kerneuropa verflüchtigt sich auch ein anderer Verdacht: Hinter der Idee versteckt sich kein Comeback der Gründerstaaten der einstigen EWG, nicht die "Nostalgie der Alten", über die sich Spaniens Außenministerin Ana Palacio gern amüsiert. Fügt sich da zu den Umrissen des alten Karolingerreichs die Silhouette des Kakanien der späten Habsburgermonarchie, sieht so das künftige Kerneuropa aus? Doch was wird dann aus Portugiesen und Iren, Finnen und Griechen – und den Spaniern, die ja allesamt im wirtschaftlichen Kerneuropa, in der Euro-Zone längst dabei sind? Und was aus Tony Blair, für Gerhard Schröder wie für Jacques Chirac ein Wunschpartner, zu Hause aber gefesselt durch die eingefleischte Euro-Skepsis seiner Landsleute?

Das Wort vom Kerneuropa wirft nicht nur die Frage nach dem Wer, sondern auch nach dem Was auf. An der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik wird eifrig gearbeitet, das Brüsseler Gipfeltreffen brachte da ohne Streit etliche Fortschritte. Den Euro tragen die Bürger in zwölf Staaten längst in der Tasche. Eine Asyl- und Einwanderungspolitik der Union ist keine Utopie mehr, sondern zähes Klein-Klein, Alltagsarbeit zwischen den Justiz- und Polizeiapparaten. Im Detail ist dieses Europa viel besser in Form, als es sein Scheitern im Großen vermuten lässt. Zu welchen Ufern also sollen die Pioniere eigentlich aufbrechen, zu welchen Horizonten will die Avantgarde vor allen anderen vordringen?