Stell dir vor, es ist Hausse, und keiner merkt es so recht. Nach drei Jahren fallender Aktienkurse mag an den Börsen trotz Aufwärtstrend keine Jubelstimmung aufkommen. Obwohl der Dow Jones wieder über 10000 Punkte notiert. Obwohl der Dax die Marke 4000 anpeilt. Obwohl sich die Kurse der deutschen Aktien seit ihrem Tiefstand im März fast verdoppelt haben.

Darf man wieder Aktien kaufen? Fast alles spricht dafür: Die wirtschaftliche Stimmung ist gut, aber nicht euphorisch. Die Konjunkturdaten werden immer besser. Die Investitionen nehmen zu. Die Gewinne der Unternehmen steigen. Im kommenden Jahr dürfte Deutschlands Wirtschaft wieder wachsen. Und verfügbares Geld haben die Börsianer auch: Die Notenbanken haben die Zinsen auf ein Rekordtief gesenkt, um das Gespenst der Deflation zu vertreiben. Und ist nicht ohnehin von Oktober bis Mai die beste Zeit, Aktien zu kaufen?

Alles wahr – und doch falsch.

Die Erfahrung zeigt: An der Börse tritt das Unvermeidliche nie ein. Wer im März Aktien kaufte, hatte nur einen einzigen Grund – sie waren spottbillig. Denn im Frühjahr wimmelte es nur so vor Risiken: der Krieg im Irak, der steigende Ölpreis, die Angst vor Deflation und die Furcht vor Banken- und Versicherungspleiten. Wer heute Aktien verkauft, kann ebenfalls nur einen Grund nennen – sie sind extrem teuer. Vor allem amerikanische Werte: Mit tatsächlich erzielten Gewinnen bewertet, waren US-Standardaktien in den vergangenen 100 Jahren nur zweimal teurer – 1929 und im Jahr 2000. Für kauffreudige Aktionäre ist das nur dann noch eine gute Ausgangslage, wenn man auf eine ähnlich fette Börsenblase wie damals spekuliert. Der Beginn eines lang anhaltenden Aufschwungs am Aktienmarkt ist das mit Sicherheit nicht.

Deshalb ist es klug, jetzt Aktien zu verkaufen. Nicht alle natürlich; aber auf das Niveau des Frühjahrs darf die persönliche Aktienquote schon wieder sinken. Und auch auf die schwierige Frage: Wohin mit dem Geld?, gibt es eine Antwort: Ausgeben wäre – volkswirtschaftlich gesehen – eine prima Alternative. So hilft man der Konjunktur und indirekt auch den restlichen eigenen Aktien. Denn nur wenn die Wirtschaft kräftiger wächst als angenommen, sind weitere Kursgewinne möglich.