Für Erland Kolding Nielsen, den Direktor der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen, kommt zum diesjährigen Weihnachtsfest die Welt wieder in Ordnung: 1800 kostbare, vor rund 25 Jahren entwendete Schriften und Folianten aus dem 16. bis 18. Jahrhundert kehren in die Regale seiner Bibliothek zurück – Gesamtwert: rund zehn Millionen Euro. Eine Routineanfrage des Auktionshauses Christie’s in London brachte die Bücherlawine ins Rollen und eine unglaubliche Diebstahlgeschichte ans Licht.

Christie’s war im Herbst, neben einer ganzen Reihe wertvoller Bücher, der 1517 in Neapel gedruckte spanische Roman Propalladia von Torres de Naharro angeboten worden. Die Experten dachten nicht sofort an Diebstahl, sondern glaubten zunächst, einer ganz anderen Sensation auf der Spur zu sein: einer zweiten, bisher unbekannten kompletten Ausgabe des Romans. Doch das erwies sich als Irrweg – und als Glücksfall für die Königliche Bibliothek. Die Nachforschungen ergaben, dass es sich bei dem Buch um jenes Unikat handelt, das seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts der dänischen Königlichen Bibliothek gehört, dort aber seit den siebziger Jahren fehlt. Auch wenn an der Bleistiftmarkierung des zwischen 1815 und 1830 inventarisierten Werks herumradiert worden war, konnte sie einwandfrei identifiziert und das Buch dem Eigentum Dänemarks zugeordnet werden.

Die Polizei wurde eingeschaltet. Die Spur führte zu den Einlieferern: zu der inzwischen inhaftierten Witwe, dem Sohn und der Schwiegertochter eines langjährigen, 1999 pensionierten und verstorbenen Angestellten der Bibliothek. Bei einer Hausdurchsuchung in einem Vorort Kopenhagens fand die Polizei die sagenhafte Beute von fast zwei Dritteln der gesamten Verluste von mehr als 2000 Druckwerken. Die Bücher werden nun Stück für Stück gesichtet. "Alle sind in gutem Zustand", sagt Direktor Nielsen. In Kürze wird die Rückführung in die Bibliothek beginnen. "Statistisch gesehen", so Nielsen, "muss der Mann von Ende der Sechziger an über zehn Jahre fast täglich ein Buch mitgenommen haben, wahrscheinlich immer fünf oder mehr Bände am Wochenende, wenn es ruhiger war." Das wirft kein gutes Licht auf die damaligen Sicherheitsvorkehrungen: Der Dieb, ein Experte für altindische Schriften, konnte offenbar in allen Abteilungen der Bibliothek ungehindert zugreifen. Seine Vorliebe galt extrem raren und wertvollen Büchern, darunter eine Erstausgabe der Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant, eine ebenso seltene Ausgabe der Utopia von Thomas Moore, handkolorierte astronomische Werke von Johannes Kepler, Atlanten, Werke von Martin Luther und eine frühe Edition der gesammelten Theaterstücke William Shakespeares.

Auf den Schwund aus den Beständen wurde man erstmals 1973 aufmerksam. Damals fehlten bereits 250 Bände. 1978 erstellte die dänische Polizei eine Verlustliste und gab sie an Interpol weiter – ohne jedoch jemals einen Hinweis zu erhalten. Eine innerbetriebliche Untersuchung verlief im Sande. Die verschärften Vorsichtsmaßnahmen setzten den Raubzügen aber immerhin ein Ende. Fast zehn Jahre später, 1986, wurde Erland Kolding Nielsen Generaldirektor der Bibliothek. Ein Jahr später degradierte er den heute als Täter ermittelten Mitarbeiter. "Weil er als Abteilungsleiter unfähig war", sagt Nielsen, "aber nicht, weil ich ihn verdächtigt hätte." Bis heute kann er nicht fassen, wie perfekt dessen Tarnung war. Als "ruhig und pflichtbewusst" beschreibt ihn ein früherer Kollege. Etwa 100 kostbare Bände hat er, ohne Aufsehen zu erregen, für teilweise sehr hohe Preise außerhalb Dänemarks abgesetzt. Nach denen wird nun gefahndet. Schwierig wird es vor allem sein, der außerhalb der EU verkauften Raritäten wieder Herr zu werden.

Bei Christie’s in London ist man stolz auf die Sorgfalt der Experten im Bücherdepartment, darf aber, so lange das Verfahren läuft, nicht Stellung nehmen. Etwa 500000 Objekte werden dort pro Jahr versteigert. "Es gehört zu den Aufgaben der Experten, die Provenienzen genau zu prüfen", sagt Pressesprecherin Catherine Fenston. "Immer wieder tauchen gestohlene Objekte auf. Solch spektakuläre Fälle sind jedoch selten."

Ob es Leichtsinn oder Unkenntnis der Verhafteten war, ein so berühmtes Unikat wie Naharros Roman in die Hände des größten Auktionshauses der Welt zu geben, wird man vielleicht noch erfahren, womöglich auch etwas über die Motive des notorischen Bücherdiebs. Direktor Nielsen ist aber auch aus einem anderen Grund froh, dass der Fall jetzt geklärt ist: "Jahrelang haben sich meine Mitarbeiter gegenseitig verdächtigt, die Arbeitsatmosphäre war völlig vergiftet. Das ist nun endlich vorbei."