Der Mythos hatte sie gerufen: Go west. In St. Louis, am Ufer des Mississippi, erinnert heute der "Arch", ein großer, offener Bogen, an diesen unaufhörlichen Strom von Abenteurern, Siedlern, Desperados, jungen Einwanderern, die dem Hunger in Irland und dem Elend in Polen oder den russischen Pogromen entflohen waren und, voller Hoffnung, nach Westen zogen. Tausende und Abertausende von europäischen Immigranten hatten sich auf diesen langen beschwerlichen Weg gemacht, der Freiheit und dem – erstrebten – Glück entgegen. In jedem Augenblick war ihr Leben gefährdet. Denn es herrschten nicht Gesetz und Ordnung, sondern das Recht des Stärkeren. Hilflos waren sie den Naturgewalten ausgeliefert. Diese Dialektik der Freiheit hat sich in Gary Cooper und John Wayne verkörpert. Wir kennen die Bilder. Doch sie verblassen langsam. Denn die Grenze, die unsere durchreglementierten Zivilgesellschaften vom Wilden Westen trennt, verläuft längst nicht mehr am Mississippi, sondern eher entlang der Linie, die noch vor gut einem Jahrzehnt als Eiserner Vorhang bezeichnet wurde. Und die Abenteurer, die heute einen guten Schnitt und ihre schnelle Mark machen wollen, kommen, wenn man der jüngeren amerikanischen Literatur glauben darf, ebenso aus den Kreisen der russischen Mafia wie, man höre und staune, aus Amerika. Der Wilde Westen hat sich offenbar in den europäischen Osten verlagert. Hunderte, wenn nicht Tausende von Amerikanern haben sich auf den Weg gemacht. Das lässt sich nachlesen, unter anderen bei Jonathan Franzen (Korrekturen) , Jonathan Safran Foer (Alles ist erleuchtet), Arthur Phillips (Prag) oder, zuletzt, in Gary Shteyngarts Handbuch für den russischen Debütanten.

Shteyngart, 1972 als Sohn jüdischer Eltern im heutigen St. Petersburg geboren, kam mit sieben Jahren in die USA und lebt seit langem in New York. Er wirkt, bei solcher Herkunft verständlich, wie ein Melancholiker, der seine Schwermut in einem Durchlauferhitzer derart auf Touren bringt, dass einem beim Lesen Hören und Sehen vergeht. Es ist eine traurige Geschichte, die er schwungvoll erzählt, mit so viel Augenzwinkern, dass es streckenweise wie Lidflattern wirkt. Am Ende lässt sich nicht mehr unterscheiden, ob es sich hier um einen Aufguss des alten Schelmenromans nach dem Muster von Ilja Ehrenburgs Lassik Roitschwantz handelt oder um einen höchst aktuellen Entwicklungsroman, der unter den Bedingungen der Globalisierung entstanden ist.

Vladimir Girshkin, der Held, nur wenig älter als der Autor, aber mit den gleichen biografischen Hypotheken belastet, hat nicht nur ein renommiertes College besucht und sich dabei seinen russischen Akzent abgearbeitet, sondern auch alle Chancen auf eine steile Karriere eröffnet. Seine ehrgeizigen Eltern hegen die höchsten Erwartungen. Doch Vladimir zieht es vor, im Emma-Lazarus-Verein zur Förderung der Immigrantenintegration eine ruhige Kugel zu schieben und ansonsten mit seiner durchaus drallen, als Domina teilzeitbeschäftigten Freundin Challah in so maßvollen wie regelmäßigen Abständen auf den Orgasmus "hinzuackern". Das geht eine Weile gut, so lange, bis Mr. Rybakow, ein völlig durchgeknallter Russe, in sein Büro stürmt. Rybakow dringt auf seine Einbürgerung, die ihm bislang, aufgrund eines erkennbaren Dachschadens, von den amerikanischen Behörden verweigert worden ist. Der Mann hat Geld genug, denn sein Sohn, das "Murmeltier" genannt, verdient im Wilden Osten die Reichtümer, von denen der gewöhnliche Kinobesucher gerne tagträumt. Vladimir, in Geldnöte und darum in Versuchung geraten, landet nun folgerichtig in der entsprechenden Umlaufbahn, in der auch die Handlung eine enorme Beschleunigung erfährt. Rybakow wird in einer grotesk getürkten Zeremonie feierlich eingebürgert, und Vladimir kann nun den Lohn der guten Tat kassieren.

In Prawa, der Hauptstadt des Wilden Ostens angekommen, mischt er sofort die Szene auf. Schon am ersten Abend lernt er einen Schriftsteller kennen, der ihm dabei hilft und im Übrigen "zu denen gehörte, die jeder Nichteingeweihte als Arschloch bezeichnet hätte". In diesem Stil geht es weiter, forsch voran, über Stock und Stein. Die Typen funktionieren, ohne alle Psychologie, sind immer auf der Jagd nach dem Glück, zu dessen Beschreibung es gleich "drei allwissender Erzähler" brauchte, um sie auch nur "halbwegs zusammenzustoppeln". Das ganze Buch ist durchzogen von Anspielungen und Verweisen, sodass der erwähnte Schriftsteller dem Helden zu Recht vorhalten kann: "Es stimmt, du bist überbelesen."

Das stimmt tatsächlich, trotzdem ist dieses Handbuch nicht nur auf intelligente Weise unterhaltsam, wie ein Western alter Zeiten, sondern auch aufschlussreich: Es zeigt das ungebrochene Glücksverlangen, die Lebensgier einer Jugend, die im Zuge der Globalisierung und der unterdessen zusammengebrochenen New Economy um ihre Zukunft betrogen wird. Vladimirs Abenteuer endet noch glimpflich. Er landet in einem Reihenhaus in Cleveland, Ohio. Ein bisschen Grün vor der Tür muss ihm reichen, um den großen grauen Rest zu ertragen. Er hat sich erfolgreich an die Maxime seines Vaters gehalten: "Tu nur, wozu du Lust hast. Und: heirate nicht, bis du bereit bist, deine glückliche Jugend aufzugeben." Ironie oder Realismus? Ein Schelmen- oder ein Entwicklungsroman? Die Qualität von Shteyngarts erstaunlichem Handbuch liegt nicht zuletzt darin, dass es auf solche Fragen die Antwort verweigert.