Zuerst hört man nur ein Akkordeon aus dem Dunkel. Allmählich kommen, sehr langsam, zwei Männer hinter dem schweren Klang her. Voraus ein kleiner, älterer Herr, der aufrecht geht, sich zum Akkordeon aber auch ganz leicht in den Hüften wiegt. Es könnte ein Bauernfest auf dem Balkan sein, zu dem das Akkordeon spielt. Der Mann schaut nicht nach links noch nach rechts, wo das Publikum sitzt. Hinter ihm her geht der jüngere Mann, er dürfte etwa vierzig sein. Er ist es, der spielt, sein Gesicht verschwindet dabei zwischen seinem schwarzen Vagabundenhut und dem Instrument. Auf dem Podium trägt der ältere Herr, der weit über die Zuschauer hinwegblickt, ein Gedicht vor. Gegen Ende des Vortrags setzt das Akkordeon wieder ein. Das Gedicht lautet so:

Für alles wirst du bezahlen.
Am meisten für deine Geburt.
Ein Schwarm höhnischer Vögel
verfolgt dich dein Leben lang
in der Stunde Ruhe
und in der Stunde Ruhelos
senkt er sich auf deine Brust.
Und fordert Lohn.
Und du wirst zahlen und zahlen.
Doch die Erlösung bleibt aus.
Denn Vergebung ist nirgends.
Nirgends Erlösung.
In dir birgst du keinen Wert,
um damit zu bezahlen.
Und bist selbst Entgelt für alles.

Der ältere Herr, er ist vierundsiebzig, bleibt während der zehn Gedichte, die er frei vorträgt, ohne Regung. Er spricht nicht pompös, eher leise, mit einer unendlichen Distanz in der Stimme. Sein Duktus hat etwas von dem eines Richters, der nicht verurteilt, nur beschreibt.
Gegen die Wirkung des stoischen Alten setzt der jüngere Mann das Akkordeon, und er singt, im Wechsel mit dem Alten, zehn von dessen Liedern. Ganz leise kann er beginnen, plötzlich schreit er, scheint sein Akkordeon zerreißen zu wollen. "Krah, krah", zwei Raben wollen nach Hause, dann wird er wieder leise, sinkt in sich zusammen.
Nicht alle Gedichte des älteren Herrn wirken so wuchtig wie diese Ouvertüre Für alles wirst du bezahlen, die ursprünglich aus dem Theaterstück Die Kinder des Flusses stammt. Die Einfachheit des Wortschatzes aber bleibt, auch die existenzielle Negativität der Aussage ändert sich kaum. Bei den eigentlichen Gedichten präsentiert sie sich oft versteckter, mit anderen Bildern. Dane Zajc, so heißt der ältere Herr, von dem hier die Rede ist, hat ein schönes Regengedicht geschrieben:
"Regen, beschütze mich vor mir. / Ich will nicht zu mir kommen, torkelnd / Und mit abgetragener Haut. ... Nicht mit einem dösigen Lächeln. / Nicht mit Versprechen. Nicht mit Hoffnungen, / verlogenen. Nein, Regen. // Lass mich nicht mehr zu mir."
Ein ganz anderer, scheuer Ton. Der Regen "sperrt" das Ich "in die Stille der Tropfen, Tropfen", es ist einverstanden, "bedecke mich mit einem Wasserhut", es möchte sterben.

Dane Zajc, dessen Name Danu Saiz gesprochen wird, ist am 26. Oktober 1929 als viertes von sechs Kindern auf einem Bauernhof in Zgornja Javors, etwa vierzig Kilometer von Ljubljana entfernt, geboren. Er ist einer der bekanntesten slowenischen Dichter und Dramatiker, er ist schon beim Poesiefestival in Rotterdam aufgetreten und in Stockholms Literaturhuset, 1981/82 war er Fulbright-Stipendiat in New York, kam damals auch nach Peru und Ecuador, und die Lesung mit Akkordeon, in der er und Janez Skof die Zuhörer auf die Stuhlkanten holten, fand statt in Vilencia, im slowenischen Karst, aber auch schon mitten in Berlin, in der Literaturwerkstatt, die über dem Prenzlauer Berglein immer wieder den Literaturhimmel weitet.
"Ein leises Stammeln niemals bekannt gewordener Größen und selbsternannter Genies dringt aus den verrauchten Räumen tiefer Provinz", schreibt Ales Steger in seinem Nachwort-Brief an Zajc, "du aber sprichst scharf und schroff deine Sprache ... Deine Gedichte zerfleischen die slowenische Sprache, in Stücke zerhackt, den Wölfen und Hunden vorgeworfen, das ist deine Sprache."

Woher kommt die Gewalt in diesen Texten? Sie wirkt nicht ganz zufällig, oft wie erfahren. 1944 ist wohl das erste einschneidende Datum in Dane Zajcs Leben: Zwei seiner Brüder fallen bei den Partisanen, im selben Jahr sterben Vater und Großvater, die Nazis brennen den Hof der Zajc ab. Schon vorher war Krieg. "Die Angst, die sich in die Kinderspiele einschlich, hat mich gezeichnet. Ich erfuhr die Vergänglichkeit der Täuschungsmanöver, die uns dazu bringen, an das Leben zu glauben." 1947 veröffentlicht Zajc seine ersten Gedichte. Er wird wegen ein paar politischer Worte vom Gymnasium verwiesen, kommt drei Monate in Einzelhaft, die ihn das erste Mal ungeschützt seiner eigenen Wut begegnen lassen, später darf er nicht studieren. Doch dann scheint sich alles zu bessern, 1955 findet er einen Job, in dem er vierzig Jahre lang untertauchen kann. Bis 1989 arbeitet Dane Zajc in der Jugendbuchabteilung der Pionier-Bibliothek von Ljubljana. 1960 macht er einen Selbstmordversuch. Und doch geht alles seinen Weg: Zajc wird Vater von vier Kindern und als Dramatiker bekannt, redigiert Literaturzeitschriften, schreibt Kinderbücher (Die kleine weiße Katze ist ins Italienische und Französische übersetzt) sowie Märchen. Von 1991 bis 1995 ist Zajc Präsident des Slowenischen Schriftstellerverbands.
Geschützt von der relativen Kunstfreiheit Jugoslawiens, bleiben seine ganz und gar unsozialistischen Gedichte all die Jahre über von einer einzigartigen Ernsthaftigkeit und Tiefe (wie die Dramen, Der Scheiterhaufen ist in Litterae Slovenicae 1/97 ins Englische übersetzt). Sie sind in "Erdsprache" geschrieben, Un-Märchen:

Du bist nicht
"Du bist nicht in der Stimme des Windes, nicht in der Hingeworfenheit der Berge, / du bist nicht in der Blüte, und wenn die Vögel rufen, rufen sie nicht dich, / du bist nicht in der Blöße der Erde, noch im schweren Duft des Grases, / und pflanzt du Blumen, damit sie für dich duften, duften sie für sich." Vor allem die Natur, die der Mensch so gern als seine Heimat sähe, macht bei Zajc nicht mit. Einmal hat er in einem Interview seinen Dissens mit Poesiefreunden angesprochen. "Die Leute in Ljubljana wollen durch romantische Werke auf die Welt blicken. Es ist eine kleinbürgerliche Geisteshaltung. Man schreibt süßliche, sentimentale Gedichte, die man bei einem Glas Wein rezitieren kann. So schafft man Mythen. Aus dieser verlogenen Umklammerung will niemand entkommen." Dane Zajc, ein schweigsamer Bauer mit Aristokratengesicht, der dem Vater mit elf zum ersten Mal Fichten fällen half, der etwas Deutsch versteht, aber keine andere Sprache als Slowenisch spricht, zeichnet die Erde grausam, ursprünglich, als schliefe sie nur, wenn sie friedlich ist: "Eines Tages ändern die Dinge ihren Namen, / da wird der Stein Hass, der Wind Entsetzen, / die Straße Angst, die Vögel schlagen schmerzhafte Lautnägel in deine Stirn ..." Nur Fatalismus, der nichts rettet, beruhigt: "Du schließt die Augen ... Damit dir nicht in den Sinn kommt, du müßtest / irgend etwas tun, irgendwohin gehen mit deinen Beinen, / die dünn sind wie die Beine eines Weberknechts. / Nur dein Kopf ist groß. Dein Kopf, weiß blühend / wie eine Magnolie. Lange suchst du im weißen Loch Mund einen Namen für dich, / doch da wäre es besser, du fändest einen Namen für das Ende als für den Fortbestand."

In dem schönen Band, den Klett-Cotta jetzt herausgebracht hat (mit CD, die einiges von der Kraft des Live-Auftritts vermittelt), der einen Überblick über Zajcs Lebenswerk gibt, treffen sich, in der klangvollen Übersetzung von Fabjan Hafner, Surrealismus und jugoslawisches Volkslied, es gibt auch ein paar melancholische Liebesgedichte, eines, in dem der Leser am Schluss eine Blume erhält, und einige Texte, die Tiere zu Wort kommen lassen. Doch gerade die Tiere sind vorsichtig mit den Menschen. Wenn sie einen "verendet" finden, rühren sie ihn nicht an, "wir fürchten euer mit Wahnsinn verseuchtes Fleisch".
Oh. Wo findet man denn heute noch verendete Menschen? Ist das nicht zu viel für ein armes Gedicht? Nicht nur die 44er Kriegs-Erfahrung, noch die jüngste jugoslawische Geschichte gibt Schwarzseher Zajc Recht: In einem seiner bisher letzten Bücher, Hinab Hinab von 1998, steht das Gedicht Die Dichtung brennt, das die Frage nach dem Sinn von Poesie angesichts des Krieges stellt. "Das Feuer setzt Satzzeichen. / Das flinke Feuer mit verkohlten Augen / blättert die Blätter mit Flammenfingern. // (... Es brennen die Rosen in umfriedeten Gärten. / Es brennen die Spelunken, die Stäbe der Minarette brechen. / Die Kirchen brennen / Im Feuer die verkohlte Frage: / Was ist ein Gedicht." Die Strophe ist zu Ende, keine Antwort, es folgt: "Es brennen alle auf einmal in Brand gesteckten Gesichter der Uhren. / Vergangene Zeit, kommende Zeit / schwirren aus den Flammen der Jetztzeit. / Auf die Frage: Was ist der Tod, / tropft Blut / aus der Todeswunde des gerade Geborenen." Blut ist hier keine Metapher.