Der Eiseskälte zum Trotz sprangen Berliner Studenten kürzlich in die Spree – "Die Bildung geht baden" hieß es auf ihren Transparenten, mit denen sie gegen Kürzungen an den Hochschulen demonstrierten. Da sie des Weiteren befürchten, demnächst "ihr letztes Hemd hergeben" zu müssen, liefen andere Demonstranten, na klar, nackt um die Gedächtniskirche. Da kann sich der Ethikrat nicht in den Mantel des Schweigens hüllen.

Für asketische Ideale habe ich, und zwar ganz besonders während des Kassenklingelns der Vorweihnachtszeit, eine nostalgische Schwäche, und deswegen hat mir imponiert, dass im Dezemberwetter die deutschen Studenten der Welt zeigten, dass es auch ohne Kleider geht. Die Spaltung der indischen Religionsgemeinde der Jainas hatte wesentlich damit zu tun, dass die rigorosen Mönche, die Digambaras, "die mit dem Himmel Bekleideten", partout splitternackt herumlaufen wollten. Aber angesichts der milderen Witterung des indischen Subkontinents ist das nicht sonderlich eindrucksvoll, verglichen mit der Leistung der jungen Deutschen. Zwar habe ich so viel von Erotik verstanden, dass im Allgemeinen der ästhetische Genuss eher erhöht wird durch den Anblick schöner Hüllen, die uns – nicht immer wahrheitsgemäß – wähnen lassen, unter ihnen liege noch Schöneres verborgen. Aber als Kierkegaard-Leser weiß ich, dass das Ästhetische dem Moralischen untergeordnet ist, und ich verzichte gern auf Stil und den Genuss des Schönen, wenn das der Moral dient – in unserem Fall der Abhärtung, dem Kampf gegen den Konsumismus, asketischen Idealen eben.

Das Problem, das ich habe, hat wahrlich nichts mit der Geste der Studenten zu tun; die Zeiten, in denen man sich über Entblößungen erregen konnte, sind vorbei. Mein Problem bezieht sich auf deren Zielsetzung. Gewiss gereichen die Kürzungen im Bildungsetat der drittgrößten Industriemacht der Welt nicht zur Ehre. Gewiss erfordert es keine überragende Intelligenz, um festzustellen, dass Macht unter den Bedingungen der Moderne wesentlich von Wissen abhängt. Wenn Europa nach dem doppelten Sieg über den Totalitarismus es nicht schafft, Wissenschaftsinstitutionen aufzubauen, die mit denen jenseits des Atlantiks auch nur entfernt konkurrieren können, dann sollte man nicht viel auf seine Zukunft setzen und sich stattdessen auf eine lange amerikanische Hegemonie einstellen.

Aber die nackte Wut über eine schwachsinnige planwirtschaftliche Wissenschaftspolitik wäre ein Hoffnung gebendes Zeichen nur dann, wenn sie begleitet würde von der Bereitschaft, selber Verantwortung zu übernehmen – durch die Bezahlung angemessener Studiengebühren, deren Kehrseite weitgehende Mitbestimmungsrechte etwa bei der Wahl der Lehrer sein müssten. Paternalismus fördert bekanntlich Infantilismus, und dass der deutsche Obrigkeitsstaat eine wuchernde Staatskundenmentalität hervorgebracht hat, ist durchaus seine gerechte Nemesis. Aber aus dem Teufelskreis von Paternalismus und Infantilismus wird man nicht ausbrechen, wenn nicht die Jugend, die für die Zukunft eines Landes steht, zeigt, dass sie nicht einfach Leistungen zum Nulltarif einfordert (kostenlos nur für sie selbst, denn es gibt immer einen anderen, der zahlt), sondern sich selbst einem Leistungsanspruch unterstellt.

Um der Öffentlichkeit die wichtige politische Wahrheit zu vermitteln, dass der Kaiser nackt ist, darf man sich auch selbst ausziehen. Aber man sollte sich dann nicht unter dem Schutzmantel des Kaisers verstecken wollen; das schadet der Glaubwürdigkeit der eigenen Botschaft.

Ohne Metapher: Wer aus guten Gründen gegen Vater Staats Ineffizienz protestiert, sollte nicht gleichzeitig vom – ohnehin leeren – Staatssäckel die Lösung all seiner Probleme erwarten. Der Ethikrat an die Studenten: Zumindest die Ersparnisse an Kleidungsgeld in ein privates Bildungskonto investieren!Vittorio Hösle