Der Preis ist fast schon eine zärtliche Geste. Zwei Euro dreißig kostet ein Frühstück im Café vom Kaufhaus Karstadt am Leopoldplatz. Butter, Marmelade, Brötchen, ein Kaffee, ein Ei. Hier frühstückt der Wedding. Auf gedeckt gemusterten Polsterbänken sitzen, beschienen vom Glanz goldener Sterne an künstlichen Tannen, Menschen, die es froh macht, wenn sich irgendwo was sparen lässt. Eine Tochter schreit die aktuellen Rabatte direkt ins Ohr ihrer schwerhörigen Mutter, die nickt begeistert. Zwei alte Schwule in äußerst korrekten Anzügen ereifern sich über die Ungerechtigkeit des Steuersystems, während ein Herr mit straff gekämmter Birkenhaarwasser-Frisur ins Körnerbrötchen beißt und dabei die Schlagzeile der Bild- Zeitung genießt: "Der irre Kannibale spricht". Vom Café aus guckt man auf die Müllerstraße runter, das Herz der Gegend, die zu Proletkultzeiten Roter Wedding genannt wurde.

Ich trinke noch einen Tee in der vorderen Abteilung, gleich neben den Buffets. Hier frühstückt niemand, hier trinkt man nur Kaffee, zu dritt, zu viert, zu fünft, man trinkt lange, man hat Zeit. Türkische, jugoslawische, arabische Männer. Alle sehen mich an, ich sehe alle an; warum sehen die mich an? Einer ist schön. Eine Art Prinz aus dem Morgenland, mit Wüstenaugen und kühn geschwungenem Mund. Trüge er das richtige Hemd, könnte er Model bei Calvin Klein sein. Ihn wähle ich aus, er wird meine Bekanntschaft; ich gehe an seinen Tisch, verfolgt von Blicken.

Der Mann im schwarzen Rollkragenpullover kam vor zehn Jahren als Flüchtling aus Algerien nach Deutschland, er ist jetzt 37, arbeitslos. Haben Sie Träume? Ich bin traumlos, sagt der Prinz, Hauptsache, ein Job, auf dem Bau, in der Fabrik oder sonstwo. Anwalt wäre er gern geworden, familiäre und politische Probleme standen dagegen. Ali Belloumi ist verheiratet gewesen, mit einer Deutschen aus Dresden, er hat eine siebenjährige Tochter, Amina. Bloß nichts Festes mehr, ich bin nicht oft hier, sagt er hastig. Dieser Teil des Cafés ist eine Kontaktbörse, fügt er mit einem heimlichen Lachen hinzu, hier sitzen achtzig Prozent Ausländer, die auf Partnersuche sind. So also erklären sich die Blicke von vorhin.

Belloumi hat Heimweh. Besonders an arabischen Feiertagen. Da sitzt er allein in seiner Wohnung im Wedding und stellt sich die Familie zu Hause vor: Die Frauen kochen, die Kinder spielen, die Männer reden über Politik. Er sieht Oran vor sich, seine Geburtsstadt am Mittelmeer, sieht den Strand, den Fußballplatz. Warum gehen Sie nicht zurück? Es wäre eine Niederlage, meint Belloumi und rührt im Karstadt-Kamillentee, zurückkehren, ohne was zu sein, ohne was zu haben. Dass er sich seit dem Irak-Krieg noch fremder fühlt in Deutschland, sagt er, seit die westliche Welt gegen den Islam kämpfe: Ich bin ein stolzer Muslim.

Ich bin Atheistin, sage ich. Suchen Sie einen Glauben?, fragt mich Belloumi, ihn ergreift so was wie Unternehmungslust: Suchen Sie einen Glauben? Ich kenne viele Deutsche aus der DDR, die Muslime geworden sind; sie haben nach einem Glauben gesucht und im Islam Ruhe und Zufriedenheit gefunden. Ich suche keinen Glauben, sage ich. Herr Belloumi fällt in sein elegisches Warten zurück: Ohne Arbeit ist alles traurig, der Geschmack des Wochenendes bleibt weg, alles gleicht sich. Was ist wichtig für Sie, heute, in diesem Moment?, frage ich. Etwas Neues ist heute in mein Leben gekommen, etwas Einmaliges – ich werde interviewt, sagt Belloumi, der Traumlose.