Seien wir ehrlich. An Weihnachten geht es nicht um Besinnlichkeit, Freude und Friede. Es geht um viel Komplizierteres, Zwischenmenschliches, und das manifestiert sich am deutlichsten in unpassenden Geschenken. Was tun, wenn einem die eigene Schwester unterm Weihnachtsbaum ein "Herrenset" aus Deozerstäuber, Feuerzeug und Aschenbecher (man raucht nicht) in rustikalem Lederimitat überreicht? Der leibliche Vater den Delikatesskorb, den er tags zuvor "für einen Geschäftskollegen" im Supermarkt geholt hat? Die Schwägerin, "Du reist doch gern", einen Englischkurs für Anfänger, obwohl man sein Geld als Englischlehrer verdient? Sicher, Sie können im Vollrausch der zur Weihnachtszeit wie nie geballten Emotionen Ihre Gesichtszüge entgleisen lassen, aufspringen ("Du hasst mich!"), die Tür zuknallen und dem Fest eine unangenehme Wendung geben. Sie können aber auch vorbereitet sein.

Wichtigster Grundsatz, um selbst dann den weihnachtlichen Frieden zu wahren, wenn Ihnen Ihre Tante den immergleichen Fünferpack weißer Kniestrümpfe, zwei Nummern zu klein, weil vermutlich billiger (und schon erkennbar an der Verpackung), überreicht: Behalten Sie unbeirrt Ihre freundlich-erwartungsvolle Miene (trainieren Sie das vor dem Spiegel beim Sichten all der Rechnungen, die gegen Jahresende eintrudeln), und lassen Sie sich dann mit dem Öffnen Zeit. Übergeben Sie erst Ihre Geschenke, täuschen Sie Kopfschmerzen vor, verbünden Sie sich mit dem Hund, der nach draußen muss. Ziehen Sie die Schleife der Verpackung so auf, dass sie sich verknotet und Sie sich dem Geschenk nachher in aller Ruhe widmen müssen (bestenfalls gerät es in Vergessenheit, und Sie stellen es irgendeinem Nachbarn vor die Tür).

Zwingt man Sie, tatsächlich auszupacken, wird spontane Freude erwartet. Tun Sie sich schwer damit, nehmen Sie eine Stunde Schauspielunterricht, inklusive Ah- und Oh-Rufen. Dann haben Sie die Wahl: zu lügen, der automatische Eierköpfer oder die beleuchtete Toilettenbürste mit den Plastikfischen sei genau das, was Sie brauchen – und künftige Kontrollbesuche bei Ihnen zu Hause in Kauf zu nehmen. Oder Sie sagen die Wahrheit. Aber um Christi willen nicht, als sprächen Sie mit einem vernünftigen Menschen, dies kann ein bis dato mühsam harmonisches Weihnachtsfest in einen Hexenkessel verwandeln, inklusive Schreien ("Du hasst mich"), Türenknallen und schluchzender Abreise. Spitzen Sie die Lippen, und sprechen Sie wie zu einem Kind (nehmen Sie Unterricht bei Marietta Slomka vom heute-journal): wie schön das sei, genau Ihr Geschmack, und leider hätten Sie schon so etwas und ob man das Geschenk nicht gemeinsam gegen etwas ganz Ähnliches umtauschen könne.

Manche Familienmitglieder vertragen auch das nicht, ohne türenknallend den Raum zu verlassen. Versuchen Sie es hier ohne Worte, aber mit einem absolut unpassenden Gegengeschenk, das Sie postwendend überreichen: Der andere hat eine Tierhaarallergie? Schenken Sie einen Katzenkratzbaum. Er spielt gern Golf? Schenken Sie Kinderschwimmflügel. Nehmen Sie dann, völlig betroffen, alle Schuld nur auf sich, und bieten Sie Wiedergutmachung (und Umtausch beider Geschenke) an.

Oder, wenn Sie die ganze Heuchelei leid sind, sagen Sie einfach die Wahrheit. Dann wird er/sie natürlich aufspringen ("Du hasst mich!"), die Tür zuknallen und schluchzend abreisen.

Aber warum eigentlich nicht?