Naturwissenschaften hatten ihn schon in früher Jugend fasziniert. Doch für den Abschluss des Gymnasiums war das Geld der Familie zu knapp, an ein teures Studium war angesichts von 13 Geschwistern schon gar nicht zu denken. Deshalb wählte Werner von Siemens einen anderen Weg: Er ging zum Militär. Dort konnte er eine dreijährige Fachausbildung in Mathematik, Physik, Chemie und Ballistik absolvieren. Das war die theoretische Basis.

Aus Zigarrenkisten, Weißblech, Eisenstückchen und etwas isoliertem Kupferdraht bastelte der junge Offizier einen voll funktionstüchtigen Zeigertelegrafen. Das war die praktische Basis für den unternehmerischen Erfolg.

Werner von Siemens (1816 bis 1892) hatte die Wahl zwischen einer gesicherten Beamtenkarriere im preußischen Staatsdienst und riskantem Unternehmertum. Er entschied sich für Letzteres. Mit dem erfahrenen Feinmechaniker Johann Georg Halske gründete er im Oktober des Jahres 1847 in Berlin die Telegraphen-Bau-Anstalt von Siemens & Halske, die Keimzelle des heutigen Weltkonzerns Siemens.

Der in Lehnte bei Hannover geborene Sohn eines Gutspächters, der 1888 in den Adelsstand erhoben wurde, war freilich nicht nur ein Pionier der Elektrotechnik. Auch in grundlegenden Managementdisziplinen setzte Werner von Siemens schon damals Maßstäbe: bei der Internationalisierung der Geschäfte sowie der sozialen Verantwortung für seine Mitarbieter und die Nachhaltigkeit unternehmerischen Wirkens.

Ohne das Zutun seines Vetters Johann Georg Siemens wäre aus der Telegraphen-Bau-Anstalt wahrscheinlich nichts geworden – der wohlhabende Justizrat steuerte 6842 Taler als Startkapital bei. (Das er später reich verzinst zurückbekam.) Dann ging es zügig voran. Bereits am Jahresende bauten zehn Mitarbeiter unter Leitung von Halske in einer Hinterhaus-Werkstatt die Telegrafen zusammen. Schon bald dehnte das kleine Unternehmen sein Produktspektrum aus: Pressen zur nahtlosen Isolierung elektrischer Leitungen mit dem gummiartigen Guttapercha (eine weitere Innovation Werners), elektrisch ausgelöste Läutewerke für Dampflokomotiven, elektrische Experimentier- und Heilgeräte oder eine Wassermesserkonstruktion, an der sein jüngerer Bruder Wilhelm maßgeblichen Anteil hatte. Dies waren die ersten Schritte der Diversifizierung.

Global: Siemens & Haske gehen nach Russland und England

Bei der Gründung der Telegraphen-Bau-Anstalt hatte Werner von Siemens den Militärdienst noch nicht gleich quittiert. Das hatte gute Gründe: Seine Eltern waren beide früh gestorben, und er fühlte sich verantwortlich für seine jüngeren Geschwister. Doch im Sommer 1848 bekam das junge Unternehmen einen Prestigeauftrag: Es sollte eine Nachrichtenverbindung zwischen Frankfurt am Main und Berlin herstellen, zwischen dem Sitz des ersten deutschen Parlaments in der Paulskirche und dem preußischen Regierungssitz. Dies war damals zugleich die längste Telegrafenlinie des europäischen Kontinents. Das junge Unternehmen bestand die Probe aufs Exempel: Am 28. März 1849 wurde die Wahl Friedrich Wilhelms IV. von Preußen zum deutschen Kaiser noch in derselben Stunde telegrafisch nach Berlin durchgegeben – eine Sensation. Zwar nahm der Preuße die Wahl nicht an, aber er gab die Leitung für den öffentlichen Betrieb frei.