Der polnische Ministerpräsident kam, sah und siegte – auf die Weise der Vorväter. Die tragische Geschichte seiner Nation seit der ersten Zerstückelung durch die europäischen Mächte hat den Warschauer Eliten einen fortlebenden religiösen Patriotismus eingepflanzt. Diese aus Polens Katakomben des 19. Jahrhunderts geborene Lehre besteht in einer die Kunst des Möglichen – also die Politik – gering schätzenden Passionskultur. Dem Land geht es zu oft um eine rühmenswerte, zu selten um eine rational zu gestaltende Zukunft.

Selbst für die benachbarten EU-Beitrittsländer war es schwer zu verstehen, dass gerade ein Mann wie der 57-jährige Leszek Miller vor dem Brüsseler Konzil das "Hier stehe ich" im Namen des alten Polen verkündete. Ausgerechnet er. Der Arbeitersohn, gelernter Elektriker, junger Parteifunktionär, später Betonkopf, Postkommunist, raubeiniger Gegner der Solidarno™ƒ, der nie eine Madonna am Revers trug wie der andere Elektriker, der spontane Rebell Lech Wa¬esa! Und nun alles Miller, was er früher doch ablehnte. Sein Auftritt als Pan Veto, der kein Jota vom romantisch-heroischen Schlachtruf der Opposition "Nizza oder der Tod" abrückte. Der wie ein Fels für den patriotisch gewandeten Messianismus des Parlaments stand: "Lass alles hinter dir, und folge mir nach."

Um ein Haar hätte der Mann Brüssel gar nicht mehr erreicht. Knapp überlebte er einen Hubschrauberabsturz. Brach sich zwei Wirbel. Doch schon im Krankenhaus klopfte er auf den Gips: So hart sei die polnische Position. Er hielt sie, die Zähne zusammengebissen, das leicht nussknackerhafte Kinn vorgeschoben. Nein, ein Weichling war Leszek Miller noch nie.

Ein politischer Schwächling allerdings ist der polnische Ministerpräsident in nur zwei Jahren Amtszeit geworden – wie nicht wenige seiner neun (!) Vorgänger seit 1989 auch. Der Mann im Korsett wurde zur Symbolfigur des heutigen Polens: eingeschnürt von den Misserfolgen der Innenpolitik und Warschaus miserabler Vorbereitung auf die EU-Mitgliedschaft, gefangen von einem patriotisch überschäumenden Parlament und der polnischen Geschichte. Sie wird immer noch zur Kompensation angerufen, wenn die Gegenwart nicht genügend Grandeur gebiert.

Aber haben die Polen nicht Recht, wenn sie empört zurückweisen, dass ihr angeblicher Egoismus die europäischen Interessen schädige? Hält Miller mit seiner Unnachgiebigkeit den anderen Ländern nicht den Spiegel vor? Es hat schließlich kein europäisches Interesse daran gegeben, dass Deutschland und Frankreich den Stabilitätspakt unterliefen. Es gibt kein europäisches Interesse an der von Paris abgeschirmten, zum Himmel stinkenden, protektionistischen Gemeinsamen Agrarpolitik (CAP), die auf Kosten der polnischen Bauern geht. Es gibt ebenso wenig europäisches Interesse daran, dass die Spanier mit aggressiv gesenktem Stiernacken ihre überproportionalen Regionalhilfen verteidigen. Alles Millers Zeugen. Es ist nur nicht der gleiche Vorgang: Polen handelt ja weniger aus Egoismus als aus Selbstüberschätzung.

Nizza oder der Tod: Zumindest der Premier hätte sein politisches Todesurteil unterzeichnet, wenn er die kleinste Änderung der Stimmengewichtung zugestanden hätte, die 2000 auf dem chaotischen EU-Gipfel in Nizza vereinbart worden war. Mit 375 Stimmen, nur 14 Gegenstimmen und 13 Enthaltungen hatte der polnische Sejm darauf bestanden, dass davon nicht abzurücken sei. Die alle Proportionen sprengende Gewichtszunahme Polens durch die politischen Rechenfehler von Nizza stört in Warschau niemanden. Fast die gesamte Elite schwelgt im klammheimlichen Triumphgefühl, Schröder und Chirac in die Parade fallen zu können. Und bei Bedarf Amerikas verlängerter atlantischer Arm zu sein.

Miller, getrieben von der bürgerlichen Opposition, pathetischen Nationalisten und abendländischen Eiferern gegen ein modernes Europa, hatte keine Chance. Er nutzte die Gelegenheit, um aus der Rolle des angeschlagenen Leszek in die des polnischen Leonidas zu schlüpfen und damit sein Image als inzwischen unpopulärster Politiker des Landes aufzubessern.

Harte Zeiten ist er seit seiner Kindheit gewohnt. Der Vater verließ die Mutter und die triste Stadt Zyrardów ein halbes Jahr nach Leszeks Geburt. Die Mutter schneiderte, um das Einzelkind durch die Berufsschule zu bringen. Kommunisten nahmen sich des jungen Mannes an, schickten ihn auf ihre Akademie. Später, als es mit der Partei zu Ende ging, sie sich schon sterbenskrank an den Runden Tisch mit der Solidarno™ƒ schleppte, wurde Miller ihr Testamentsvollstrecker. Zusammen mit Aleksander Kwa™niewski, dem heutigen Präsidenten, versuchte er das klägliche Erbe in eine frische Sozialdemokratie umzuwidmen. Sie wuchs bald erstaunlich, blieb aber im Filz hängen.