Sitzen Sie auch manchmal vor dem Frühstücksei und fragen sich: Wie gefährlich ist eigentlich die Nanotechnik? Nein? Na gut, aber das kann ja noch kommen. In Amerika zittern schon 15Jährige. Als der Chemie-Nobelpreisträger Richard Smalley vor ein paar Wochen eine Highschool in Houston besuchte, registrierte er tief sitzende Ängste. Jeder zweite Teenager fürchte winzige Roboter, die sich selbst vermehren und die Erde übervölkern werden, klagte Smalley.

Jetzt geht der Professor in die Offensive. Im Fachblatt Chemical & Engineering News lieferte er sich einen heftigen Schlagabtausch mit Eric Drexler, der den Begriff "Nanotechnologie" einst erfand. "Ihr habt unsere Kinder verschreckt", ätzt Smalley, "vielen dieser Jugendlichen hat man die falsche Gutenachtgeschichte erzählt." Drexler kontert: "Sie versuchen meine Arbeiten zu diskreditieren, indem Sie sie falsch darstellen."

Der Streit um Risiken und Nebenwirkungen geht in eine neue Runde. Vordergründig geht es dabei um Wissenschaft. Drexler behauptet, man könne Nanomaschinen Atom für Atom konstruieren. Eines Tages werde es Winzroboter geben, die ihresgleichen zusammenbauen und sich dadurch selbst vermehren können. Smalley hält das für physikalischen Nonsens. Beim Anfassen würden die einzelnen Atome an den Greifern haften bleiben. "Klebrige Finger" nennt er das Problem und höhnt: Monster wie die selbstreplizierenden Nano-Assembler werde es niemals geben. "Sie kapieren das offenbar nicht", schreibt er an Drexler.

Tatsächlich beharken sich Drexler und Smalley schon lange, und ihre Argumente sind nicht gerade neu. Aufschlussreich ist der Streit jedoch deshalb, weil er zwei unterschiedliche Risiko-Philosophien offenbart. Drexler hält noch die äußersten Visionen für machbar. Sein Foresight-Institut will ethische Standards diskutieren, bevor die Forschung Fakten schafft. Die Nanotechnologie hält Drexler für einen Segen, aber die Entwicklung von unkontrollierten, sich selbst vermehrenden Nanomaschinen will er geächtet sehen. Smalley vertritt die klassische Position der Wissenschaft: Er wittert Panikmache und fürchtet, dass Forschungsmittel ausbleiben.

Vielleicht sind Drexlers Fantasien ja tatsächlich weltfremd. Aber Smalley verdrängt, dass auch vermeintlich irrationale Ängste die Forschung bedrohen können. Am Teilchenbeschleuniger Brookhaven fürchteten Anwohner vor einigen Jahren, die Experimente könnten ein winziges Schwarzes Loch erzeugen, das die Nachbarschaft verschluckt. Der Betreiber wiegelte ab – bis sich Experten ernsthaft mit dem Thema auseinander setzen mussten. Typisch Amerika? Nein. In Großbritannien warnte Prinz Charles vor der Nanotechnologie. Prompt gab die krisenerfahrene britische Regierung eine unabhängige Risikostudie in Auftrag – mit öffentlicher Beteiligung. Im Frühjahr erscheint der Abschlussbericht.

Auf dem EuroNanoForum in Triest, wo in der vergangenen Woche europäische Nanoforscher auf Geldgeber und Politiker trafen, dozierten Sozialwissenschaftler immerhin zwei Stunden lang über gesellschaftliche Aspekte. "Lasst uns nicht die Öffentlichkeit wegen ihrer übertriebenen Ängste beschuldigen", forderte der Darmstädter Philosoph Alfred Nordmann. "Solange die Nanotechnologie diffus und unbeschränkt bleibt, sind alle Visionen gleichermaßen rational wie irrational." Ähnlich argumentierte der englische Wissenschaftssoziologe Brian Wynne, als er an die heftige Diskussion über genmanipulierte Lebensmittel erinnerte: Jene "Experten", die das Volk als emotional und ignorant abgestempelt hätten, verstärkten das Misstrauen nur noch. Von den Naturwissenschaftlern wünschte sich Wynne mehr Selbstreflexion.

Ebenso kritisch, aber wesentlich konkreter wurde Vicki Colvin von der Rice University, als sie über potenzielle Gefahren durch das Einatmen von Nanopartikeln referierte. Einigen Ratten ist das im Tierversuch schlecht bekommen. Die Nanoforscher sollten Gesundheitsrisiken frühzeitig untersuchen, riet Colvin. Nur so könne man vermeiden, dass Nanotechnik bald ähnlich unbeliebt sei wie die grüne Gentechnik. Die Forschungsbürokraten der EU stellten in Triest schon mal Mittel für derartige Begleitforschung in Aussicht.

Vielleicht nehmen ja auch die deutschen Teilnehmer Anregungen mit nach Hause. Bislang tut sich hierzulande wenig. Anfang November veröffentlichte das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) eine Studie. Fazit: "Auf dem Gebiet der Nanotechnologie sind Deutschlands Forscher Spitze." Wie schön. An der Risikodebatte haben sie kein Interesse. "Die Forschung bezüglich möglicher Umwelt- und Gesundheitsfolgen muss intensiviert werden", schreibt das TAB und schlägt vor, wie in solchen Fällen üblich eine "Informationsquelle für die breite Öffentlichkeit" einzurichten. Eine offene Diskussion wie von Smalley und Drexler ist bei uns wenig erwünscht. Lieber folgt man dem Motto von Smalleys Vortrag bei den Schülern: "Sei ein Forscher, rette die Welt."