Istanbul

So hatte Rauf Denktaş den Wahlausgang nicht geplant. Der Alleinherrschaft gewohnte "Staatspräsident" des türkischen Teils Zyperns tat vor den Parlamentswahlen alles, um die Führer der Opposition zu verteufeln. Kollaborateure seien sie und käuflich obendrein! Am vorigen Sonntag hat ebendiese Opposition genauso viele Sitze im Parlament erobert wie der Regierungsblock von Denktaş. Braucht der "Retter des Vaterlandes" nun die "verräterische" Opposition zum Regieren? Darin liegt politischer Sprengstoff. Denn der Chef der Republikanisch-Türkischen Partei (CTP) Mehmet Ali Talat setzt sich für eine Lösung des Zypern-Konflikts nach dem Plan von UN-Generalsekretär Kofi Annan ein. Für Denktaş ist das nichts weniger als der Untergang seiner Inselhälfte – der von ihm 1983 gegründeten "Türkischen Republik Nordzypern". Doch seit den Wahlen ist sein "Nein-nein-nein!" zum UN-Plan geschwächt worden: Erstmals wird die türkische Politik von türkischen Zyprioten infrage gestellt.

Im türkischen Mutterland schüren die nationalen Kräfte deshalb Panik. Im Fernsehen malen gramzerfurchte Geostrategen und Zypern-Kenner die Nachteile des Annan-Plans in düsteren Farben aus. Im Chor mit Denktaş-Beratern warnt der ehemalige Außenminister Sükrü Sina Gürel allen Ernstes, die Unabhängigkeit der Türkei sei ohne die türkische Minirepublik auf Zypern in größter Gefahr. In das gleiche Horn stoßen Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer, der sozialdemokratische Oppositionsführer Deniz Baykal und, nicht überraschend, Sprecher des Militärs. Am 15. November reiste der Kommandant der Landstreitkräfte zur Feier des zwanzigsten Jahrestags der Gründung des Zwergstaats Nikosia und wandte sich an Denktaş. "Dass Türken mit Ihrer Politik nicht einverstanden sind, ist schlicht unbegreiflich", sagte Ibrahim Firtina.

Warum die Stahlfraktion in Ankara auf dem türkischen Frontstaat besteht, erklärte kurz darauf der Generalstabschef. Die Griechen bedrängten die Türkei in der Ägäis, sagte Hilmi Özkök. Sollte Zypern ganz in griechische Hände fallen, wäre die Türkei fast wehrlos eingeschlossen. Während der Generalstabschef defensiv argumentiert, erläutert der dem Militär nahestehende Stratege Mehmet Ali Kislali die weiter greifenden Perspektiven der Türkei im östlichen Mittelmeer. "Dort laufen die Erdöl- und Erdgaspipelines des Nahen Ostens, des Kaukasus und Zentralasiens zusammen", sagt Kislali. Von Zypern aus könnten diese Energieströme kontrolliert werden. Es habe deshalb große militärische Bedeutung. In einer Zeit, da die USA und ihre Verbündeten nach Lust und Laune im Nahen Osten eingreifen, sei der "natürliche Flugzeugträger" Zypern von unschätzbarem Wert.

Mit den Türken auf Zypern haben solche Überlegungen nur entfernt zu tun. Mit den Nöten der Zyperntürken begründete Ankara 1974 die Invasion der Insel. Die Zyperngriechen hatten die Verfassung der Republik einseitig geändert und die Zyperntürken ihrer kollektiven Rechte beraubt. Über Monate hinweg hatte es Übergriffe auf sie gegeben. Sie sollten geschützt werden, hieß es.

Doch die Erste-Hilfe-Politik wich bald strategischer Planung für eine dauerhafte Präsenz auf Zypern. Erst dehnte sie in einer zweiten Angriffswelle das türkische Territorium von 4 auf 36 Prozent der Insel aus, dann siedelte sie Bauern aus Anatolien in den ehemals griechischen Dörfern des Nordens an. Heute stammen mindestens 80 000 der 190 000 Türken auf der Insel vom Festland. Auch die Art und Weise, wie die Türken mit dem zurückgelassenen Eigentum der griechischen Flüchtlinge umgingen, demonstrierte, dass sie die nördliche Inselhälfte nicht mehr hergeben wollten. Während die türkischen Immobilien im griechischen Süden der Insel unter die Verwaltung einer staatlichen Stiftung kamen, verteilten die Türken die griechischen Häuser im Norden an neue Besitzer.

Derweil knüpfte Ankara an eine Verhandlungslösung immer mehr Bedingungen. Erst hieß es, man wolle ja nur die gemeinsame Republik Zypern von 1961 wiederherstellen. Schnell verlangte die türkische Seite jedoch eine Föderation, dann gar eine Konföderation. Im Einklang mit Ankara fordert Denktaş heute die Anerkennung der "Türkischen Republik Nordzypern" als Voraussetzung für seine Rückkehr an den Verhandlungstisch.

Dabei ist der Annan-Plan so schlecht nicht für die Zyperntürken. Er garantiert ihnen kollektive politische Rechte, einen Teilstaat mit eigener Verwaltung und eigenem Territorium. Er stellt sicher, dass die Türken auf ihrem eigenen Gebiet in der Mehrheit bleiben. Der Plan verweigert beiden Teilstaaten jedoch volle Souveränität und verhindert damit, dass die Türkei im Norden nach Belieben schalten und walten kann.