Am Abend des 24. Dezember 1914 reißt die Wolkendecke über Flanderns Schlachtfeldern auf. Der Himmel wird sternenklar, und der Vollmond hüllt die Kraterlandschaft zwischen den Schützengräben in ein mildes Licht. Plötzlich – die britischen Soldaten wollen ihren Augen nicht trauen – flackern auf den Brüstungen der gegenüberliegenden Gräben Lichter, brennende Kerzen auf kleinen Tannenbäumen. Wieder einmal eine perfide Kriegslist der verhassten "Hunnen"? Doch dann setzt Gesang ein. Stille Nacht, Heilige Nacht , tönt es aus rauen Männerkehlen und: Es ist ein Ros’ entsprungen. "Well done, Fritzens", rufen die verblüfften Zuhörer und verlangen eine Zugabe. Und von drüben schallt es zurück: " Merry Christmas, Englishmen" – "We not shoot, you not shoot".

Tatsächlich schweigen an diesem Heiligen Abend des Jahres 1914 fast überall an der Westfront die Waffen. Zunächst vereinzelt, bald in immer größeren Gruppen steigen deutsche Soldaten aus ihren Gräben, und nach anfänglichem Zögern tun es ihnen die Briten gleich. Man trifft sich im Niemandsland zwischen den Schützenlinien, tauscht Geschenke aus und vereinbart eine Waffenruhe für den nächsten Tag. Ein Wunder, so scheint es, ist geschehen: Dieselben Männer, die noch wenige Tage zuvor nichts unversucht gelassen haben, sich gegenseitig umzubringen, stehen nun zusammen, lachen, schwatzen, rauchen und prosten sich zu. "Wir fühlten uns dabei glücklich wie Kinder", notiert ein sächsischer Offizier in sein Tagebuch.

Die Verbrüderungen an der Westfront haben schon immer die Neugier angelsächsischer Historiker gereizt. Malcolm Brown und Shirley Seaton widmeten ihnen eine Untersuchung (Christmas Truce, 1984). Modris Eksteins ging in seinem Buch Rites of Spring (deutsch: Tanz über Gräben, 1990) ausführlich darauf ein. Und neuerdings hat sich Stanley Weintraub (Silent Night, 2002) des Themas angenommen. Umso erstaunlicher ist, dass sich bislang kein deutscher Historiker dafür interessiert hat. In der neuesten Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs von Michael Salewski wird das, was Weihnachten 1914 geschah, nicht mit einem Wort erwähnt.

Diese Lücke hat nun Michael Jürgs, der frühere Chefredakteur des sterns und Autor zahlreicher erfolgreicher Sachbücher, mit sicherem Gespür für den Reiz des Stoffes genutzt. "Einen solchen Frieden von unten gab es noch nie in der Geschichte eines Krieges. Es hat niemals wieder einen gegeben", betont der Autor gleich zu Beginn. "Diese – aus heutiger Perspektive betrachtet – große Weihnachtsgeschichte besteht aus vielen kleinen Geschichten. Man muss sie alle erzählen."

Und Jürgs erzählt sie – nicht als distanzierter Chronist, sondern als engagierter Reporter, der sich möglichst nah an das Geschehen, seine Akteure und Schauplätze heranbegeben möchte. Er hat sorgfältig recherchiert und umfangreiches Material aus verschiedenen Archiven und Museen des In- und Auslands zusammengetragen: Berichte von Augenzeugen und Zeitgenossen, Regimentstagebücher und Chroniken von Truppenteilen, private Tagebücher und Feldpostbriefe. Und schließlich hat er auch die Schlachtfelder selbst besichtigt, die noch heute, nach bald einem Jahrhundert, die Narben der damaligen Kämpfe tragen, und die zahlreichen Friedhöfe mit ihren weißen Steinen, auf denen die Namen der Gefallenen verzeichnet sind.

Die Mühen haben sich gelohnt. Denn Jürgs kann zeigen, dass es solche Verbrüderungen weit häufiger gegeben hat, als es in der deutschen Geschichtsschreibung überliefert worden ist. Was am Heiligen Abend begann, steigerte sich am ersten Weihnachtstag zu einer Massenbewegung, zu einem "spontanen Aufstand von unten", wie der Autor, vielleicht etwas überpointierend, anmerkt. Bereits bei Tagesanbruch verlassen die Soldaten auf beiden Seiten ihre Gräben, Tausende und Abertausende. Man schüttelt sich die Hände, wünscht sich gegenseitig "Frohe Weihnachten", tauscht Erfahrungen aus, etwa wie man sich am besten der Läuseplage erwehren könne. Hier und dort finden sich Gruppen für Erinnerungsfotos zusammen. Eine dieser Aufnahmen wird Anfang Januar 1915 auf der Titelseite des Daily Mirror erscheinen und für großes Aufsehen in England sorgen.

Als Erstes kommen Deutsche und Briten überein, die Gefallenen zu begraben, die, zum Teil grässlich entstellt und verstümmelt, im Niemandsland liegen. Nicht nur helfen sie sich gegenseitig, Gräber auszuheben, sie veranstalten auch gemeinsame Trauerfeiern. "So etwas wird man wohl nie wieder sehen", schreibt ein 19-jähriger Schotte einem Schulfreund. Erst als die Toten unter der Erde sind, beginnt das Weihnachtsfest. Und wieder geschieht ein kleines Wunder: Hunderte verabreden sich zum Fußballspiel – es wird gebolzt und gekickt, was das Zeug hält, und wo kein Ball aufzutreiben ist, begnügt man sich mit einer leeren Konservendose. Es waren ungewöhnliche Spiele – "die ungewöhnlichsten überhaupt in der Geschichte des Fußballs" nennt der Autor sie.

Die Hunde des Krieges nahmen wieder Witterung auf