Um wenige NS-Verbrecher, das betont der junge Historiker Sven Keller zu Recht, sind so viele Mythen gestrickt worden wie um Josef Mengele, den Lagerarzt in der Vernichtungsstätte Auschwitz, berüchtigten Zwillingsforscher und (nachweislich) eigenhändigen Massenmörder.

Nicht wenige der Mythen nahmen ihren Ausgang in Mengeles Heimatstadt Günzburg, wo die Familie Mengele bis in die 1990er Jahre hinein eine Landmaschinenfabrik unterhielt. Der KZ-Mörder, seine Familie und eine Kleinstadt: Das regte die Fantasie mächtig an. Lag es nicht nahe, von einer im Ganzen verschwörerischen Gemeinschaft auszugehen, die den KZ-Mörder deckte? In den USA war Günzburg lange schlicht die "Mengele-town". Vor allem eine Profession nahm es Keller zufolge mit der Wahrheit nicht genau: die so genannten Nazijäger. Die Verdienste von Simon Wiesenthal, den Klarsfelds und anderer sind unbestritten; doch im Fall Mengele unterliefen ihnen haarsträubende Fehler, die bis heute Eingang in die Literatur gefunden haben. Wiesenthal zum Beispiel behauptete in seinem 1967 erschienenen Buch Doch die Mörder leben, dass sich Mengele in Ägypten aufgehalten habe und später mit einer Yacht auf eine griechische Insel geflohen sei. Nichts davon stimmte.

Dass der Autor mit stupender Genauigkeit Mengeles Fluchtweg rekonstruiert, ist zweifellos eine Stärke des Buches. Zunächst war der NS-Verbrecher inkognito bei einem Landwirt nahe Rosenheim untergeschlüpft, ehe er 1949 ein Schiff nach Buenos Aires nahm. Dort wurde er von NS-Sympathisanten wie etwa dem NS-Fliegerstar Hans Ulrich Rudel in Empfang genommen und zu Freunden weitergereicht. Seit 1961 lebte Mengele auf einer abgelegenen Farm in Brasilien, 1975 zog er nach São Paulo und starb am 7. Februar 1979 bei einem Badeunfall, was erst 1985 herauskam. Dass Mengele nie verhaftet wurde, hat zweifellos mit der Untätigkeit deutscher Staatsanwälte und Polizisten zu tun. Wie einfach es gewesen wäre, die richtige Spur zu finden, erwies sich 1985, als die Polizei endlich eine Hausdurchsuchung bei einem der Helfershelfer des KZ-Mörders durchführte und den entscheidenden Hinweis auf den Badetod fand.

Keller, selbst Günzburger, interessiert vor allem, was Normalbürger, die Presse und die Familie Mengele über den Verbleib des NS-Verbrechers wissen konnten und wussten. Dass sein Urteil über die Familie, die immer über den Verbleib ihres Verwandten informiert war, hart ausfällt, ist verständlich. Doch mit der Entlastung seiner Heimatstadt übertreibt er es deutlich, sodass die Fragestellung der Studie insgesamt etwas schief wirkt. Dass Tausende von Günzburgern nicht den genauen Aufenthaltsort des NS-Verbrechers kannten, versteht sich fast von selbst. Spricht das die Stadt für ihren jahrelangen passiven und beschönigenden Umgang mit dem "Problem" Mengele frei?