Handys in den Postkasten

Es ist ein Projekt, bei dem man sich fragt, warum es so lange auf sich warten ließ. Es soll die Flut von Elektroschrott begrezen, die Umwelt schützen und das Gemeinwohl stärken. Die Idee dahinter ist simpel: Es müsste nur gelingen, die vielen Millionen Handys, die nutzlos in Schubladen oder sonstwo verschwinden, einzusammeln und zu verwerten.

Inzwischen sammeln schon drei Mobilfunkbetreiber in Deutschland die Altware wieder ein. Sowohl Vodafone als auch T-Mobile und E-Plus bitten ihre Kunden, ausgesonderte Handys abzugeben oder per Post zu verschicken: in kleinen Plastiktüten, Porto zahlt Empfänger. Für jedes Handy werden vier bis fünf Euro gespendet, für eine Umweltorganisation oder einen wohltätigen Zweck. Klingt clever, die Idee.

High-Tech für die Dritte Welt

Clever aber scheint vor allem das Geschäftsmodell, das hinter diesem Projekt steckt. Denn was da so grün und sozial daherkommt, basiert auf knallharter Kalkulation. Da sich das reine Reycling der Winzlinge kaum rechnet, wird die Sammelaktion nur dann profitabel, wenn ein Teil davon wieder verkauft werden kann: beispielsweise in Entwicklungs- und Schwellenländer. Den Draht dorthin hat Greener Solutions, jenes Unternehmen, das als Adressat auf den kleinen Plastiktüten der Mobilfunker steht. Gestartet vor gut zwei Jahren in Großbritannien, will es sich auch in Deutschland als großer Handy-Verwerter etablieren. Und demnächst in ganz Europa.

Rechtzeitig erkannte der Chef des Unternehmens, Colin Armstrong-Bell, welches Potenzial jene EU-Richtlinie hat, die vorschreibt, dass ausgemusterte Elektrogeräte demnächst ordnungsgemäß entsorgt werden müssen. Bis August des kommenden Jahres soll die Richtlinie in nationales Recht umgesetzt sein. Sie nimmt die Hersteller und Importeure der Geräte in die Pflicht. Auf Hochtouren arbeiten sie zurzeit daran, Deutschlands Elektroschrott in den Griff zu bekommen. Sie rechnen mit Abfallmengen von rund einer Million Tonnen im Jahr. Rund siebzig Prozent davon machen Haushaltsgroßgeräte aus deutschen Küchen aus. Der Rest besteht aus Fernsehern, Videorekordern, Computern – und Kleingeräten, wie eben Handys.

Armstrong-Bell interessieren aber weder Waschmaschinen noch Faxgeräte. Er hat nur Mobiltelefone im Visier. Denn von denen gibt es inzwischen mehr als genug. Allein in Deutschland sollen mittlerweile rund 120 Millionen Stück zirkulieren, aber nur die Hälfte noch im Einsatz sein. Kein Wunder.

Hersteller und Mobilfunkbetreiber locken mit immer neuen Modellen. Zunächst beherrschten sie nur das Telefonieren. Die jüngste Handy-Generation überträgt nun auch Bilder und Videos, liefert Spiele für die Kids und Nachrichten für deren Eltern. Doch nicht nur das macht sie so attraktiv, dass die ansonsten eher technikkonservativen Deutschen plötzlich heiß auf Neues sind, obwohl das Alte noch funktioniert.

Eigentlich wären die kleinen Elektronikwunder teuer; mehrere hundert Euro würden sie kosten. Doch da sind die Mobilfunkfirmen vor. Sie zahlen pro Kunde ein kräftiges Kopfgeld, betreiben damit ein gigantisches Subventionssystem, das die Gerätepreise drastisch sinken lässt, oft sogar auf nur einen Euro. Das schafft Nachfrage, wo eigentlich keine ist.

Handys in den Postkasten

Zudem entdeckt die Branche immer neue Trends, um den Umsatz anzukurbeln. Xelibri heißt beispielsweise ein neues Designer-Handy von Siemens, das der Elektronikriese vor allem über Modeläden vertreiben will. Man geht davon aus, dass Handys demnächst – wie Mode-Accessoires – ihre Besitzer vor allem schmücken sollen. Ins Büro, so die Marktstrategen, werden die Deutschen künftig ein anderes Handy mitnehmen als zum Sport oder in die Oper. Doch die erste "Kollektion" verkaufte sich noch nicht so gut wie erhofft. Der Restposten landete deshalb beim Discounter Penny. Und der verlangte nicht einmal die Hälfte jenes Preises, den Siemens veranschlagt hatte.

So oder so: Die teuren Produkte verkommen zur billigen Massenware. Und weil sie "mülltonnenfähig" (Fachjargon) sind, drohen sie die Umwelt zu belasten. Denn sie enthalten giftige Substanzen; darunter Arsen, Cadmium, Blei, Quecksilber oder bromierte Flammenschutzmittel. Deshalb müssen sie fachgerecht entsorgt – und zuvor natürlich eingesammtelt werden.

So einfach, wie es klingt, ist das allerdings nicht. Ganz offensichtlich werden jede Menge Geräte erst einmal gehortet – für den Notfall sozusagen. Oder sie landen bei Opa und Oma, bis auch die mehr als versorgt sind. Erst dann stellt sich die Frage: Wohin damit? "Man muss es den Kunden so einfach wie möglich machen," sagt Greener-Solutions-Gründer Armstrong-Bell. Deshalb die Tüten-Lösung. Sie macht die Geräte postkastenfähig.

Während sich deren Hersteller noch schwer tun, eine übergreifende Initiative zu starten, geht Armstrong-Bell an Supermärkte und Netzbetreiber heran. Geschickt überlässt er es denen dann, mit ihren Spenden zu glänzen. Dabei stammt das Geld dafür von ihm. Er zahlt zwischen drei und fünf Euro pro Gerät. Ebenso übernimmt Greener Solutions das Porto, das mit rund zwei Euro pro Gerät zu Buche schlägt. Schon allein deshalb rechnet sich das reine Recycling der Geräte kaum. Sehr viel geben die einzelnen Stoffe und Bauteile am Markt nämlich nicht her.

Wenn man aber für die noch funktionierenden Geräte neue Käufer findet, kann nicht nur die Umwelt, sondern auch die Unternehmensbilanz profitieren. Rund 45 Prozent der eingesandten Handys, so sagt Armstrong-Bell, lassen sich weiterverkaufen. Nur nicht innerhalb Europas; das musste der Schotte den Netzbetreibern versprechen. Keinen Hehl macht der Ex-Banker daraus, dass er – außer Gutes zu tun – durchaus "auch Geld verdienen will".

Bislang hat er in Deutschland rund 150000 Geräte eingesammelt. Sie werden zunächst auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft, wenn nötig, gewartet und anschließend nach Asien, Osteuropa, Afrika oder Südamerika verkauft. Das bringt Geld in die Kasse. Der unbrauchbare Rest geht zur Entsorgung an Spezialbetriebe. "Wir arbeiten sehr effizient," sagt Armstrong-Bell. Dabei hilft eine komfortable Software. Nach Ankunft in München werden die Geräte eingescannt, ihr weiterer Weg sogar dokumentiert. Insgesamt beschäftigt Greener Solutions 60 Leute.

Die Hersteller sind skeptisch

Handys in den Postkasten

Mit gemischten Gefühlen beobachten die Hersteller der Geräte das Geschehen. Einerseits sind sie voller Anerkennung für das innovative Modell. Anderseits fürchten sie um die Qualität und Sicherheit der gebrauchten Handys, auf denen schließlich ihr Name steht. Eine Sprecherin von Nokia sagt kurz und bündig: "Wir arbeiten mit Greener Solutions nicht zusammen und verkaufen keine Geräte zweiter Wahl." Man bevorzuge ein Materialrecycling. Bei Motorola fällt der Kommentar nicht ganz so harsch aus. "Greener Solutions hat eine Marktlücke entdeckt," sagt Siegfried Pongratz, Direktor des Advanced Technology Centers Europe. Aber auch er gibt zu Bedenken: "Wir wissen nicht, wo die Geräte landen."

Ironie der Geschichte: Motorola hatte sich schon vor etlichen Jahren dafür stark gemacht, ein umweltfreundliches Öko-Handy zu bauen, um die Entsorgung einfacher und kostengünstiger zu gestalten. Doch diese Idee fand bei den Konkurrenten nicht viel Anklang; der Alleingang schien wenig aussichtsreich. Und so tut sich der rührige Branchenverband Bitkom noch heute schwer, die Produzenten beim Handy-Recycling auf eine gemeinsamen Nenner zu bringen. Nur eines scheint allen klar: "Eine wilde Entsorgung will keiner," sagt Mario Tobias von Bitkom. Deshalb treibt etliche unter ihnen nun die Sorge um, nicht nur von Greener Solutions, sondern auch von negativen Schlagzeilen eingeholt zu werden. Irgendwann, so fürchten sie, könnte der Vorwurf laut werden, man verlagere sein Elektronikschrott-Problem einfach ins Ausland.

Armstrong-Bell findet, dass derlei Ängste unbegründet sind. Er versteht sich als Dienstleister und bietet auch den Herstellern an, ein gemeinsames Konzept zu entwerfen, das ihren Wünschen entspricht. Aber es sei eben alles eine Frage der Kosten-und-Nutzen-Rechnung, so der findige Unternehmer.