Im Frühjahr dieses Jahres hob der zwölfjährige Abbas Hussein im irakischen Nadschaf ein kleines Metallteil von der Straße auf. "Er dachte, es sei ein Spielzeug", sagte sein Onkel Hossam später. Doch der Gegenstand fiel zu Boden, explodierte und riss ihm die halbe Hand ab. Abbas hatte Glück, denn er überlebte – im Gegensatz zu Hunderten anderer Iraker, die mit dem furchtbarsten Abfallprodukt moderner Kriegsführung in Berührung kamen: Streubomben.

Der Krieg gegen Saddam Hussein sei einer "der schnellsten und humansten Feldzüge der Geschichte" gewesen, sagte Präsident George W. Bush noch im September. Gebetsmühlenhaft hatte man in Washington und London zuvor versichert, dass die präzisesten Waffen aller Zeiten verwendet und jede Vorsorge getroffen worden sei, die Zivilbevölkerung zu schonen. Doch wie die US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nun in einer ebenso gründlichen wie riskanten Recherche im ehemaligen Kriegsgebiet festgestellt hat, haben Amerikaner wie Briten Streubomben eingesetzt – und damit mehr Zivile verletzt und getötet als mit irgendeiner anderen Waffe in diesem Krieg.

Zwei Dinge machen diese Geschosse, die aus der Luft abgeworfen oder von Artilleriegeschützen geschleudert werden können, so grausam und gefährlich für Zivilisten. Sie öffnen sich noch über ihrem Ziel und lassen einen tödlichen Regen von Dutzenden, ja Hunderten kleinen Bomben herabprasseln, von denen jede einen Menschen schwer verletzen oder töten kann. Und sie haben Fehlerquoten von fünf Prozent oder mehr: Viele der Minibomben explodieren nicht schon beim Aufschlag – sondern erst beim nächsten Kontakt, manchmal erst viele Jahre nach Ende des Konflikts. (Die Kriegsgebiete des 20. Jahrhunderts – Libanon, Somalia, Kosovo, Afghanistan, um nur einige zu nennen – sind noch immer durchsetzt mit dieser tödlichen Saat.) Und weil sie klein, bunt und glänzend sind, wirken sie wie Magneten auf neugierige, ahnungslose Kinder.

Offiziellen Militäranalysen zufolge haben die Koalitionsstreitkräfte in sechs Wochen Krieg insgesamt fast 13000 solcher Geschosse verwendet (vier Fünftel davon gehen auf das US-Konto) – also fast zwei Millionen Minibomben insgesamt. Macht, bei einer Fünf-Prozent-Fehlerrate, mindestens 90000 miniaturisierte Landminen, die nun über das Land verstreut sind und Iraker, humanitäre Helfer und ausländische Soldaten gleichermaßen bedrohen.

Schlimm genug. Schlimmer noch ist, dass sie verwendet wurden, obwohl es gerade im US-Militär längst Kritik daran gibt. Die großen Panzer- und Artillerieformationen auf weitem Feld, gegen die Streubomben einst erdacht wurden, gibt es nämlich heute nicht mehr – weil der Feind keine hat (Afghanistan) oder seine schweren Geräte auf dem Gelände von Schulen oder Moscheen parkt (Kosovo, Irak). Vor allem: 1991 war der erste Golfkrieg die letzte große westliche Intervention, die nicht in einem Besatzungsregime mündete; seit den Kriegen auf dem Balkan und am Hindukusch finden sich die USA und ihre Verbündeten (darunter auch die Deutschen) jedes Mal und auf unabsehbare Zeit auf demselben Boden wieder, den sie zuvor mit ihren Bomben zur Menschenfalle gemacht haben.

Weshalb die U. S. Air Force und die britischen Streitkräfte längst begonnen haben, Streubomben zu verwenden, deren Komponenten sich notfalls selbst zerstören können; und sie möglichst nicht über dicht bewohnten Gebieten abzuwerfen. Die US-Bodentruppen hingegen schleuderten nicht nur die weitaus größte Zahl an Streubomben, einige Einheiten mussten gar Geschosstypen mit einer Fehlerquote von 16 Prozent verwenden – eine echte Bumerangwaffe. Mindestens fünf Koalitionssoldaten sind den eigenen Streubomben schon zum Opfer gefallen.