Am Ende der Schicht, in der Schleuse zur Außenwelt, tragen die Männer vom Kernkraftwerk Würgassen nur noch das Nötigste: gelbe Unterhosen von der Firma E.on. Bevor die Arbeiter Overall gegen Jeans tauschen, müssen sie zur Freimessung in einen Ganzkörperkäfig. „Bitte die Uhr ablegen. Bitte näher kommen“, fordert eine Frauenstimme vom Tonband. „Bitte Kopf positionieren.“ – „Ja doch“, grummelt ein Entblößter. Während die Geigerzähler messen, zählt die Frau vom Band rückwärts von fünfzehn bis eins. „Bitte umdrehen.“ Und wieder von fünfzehn abwärts. „Nicht kontaminiert“, stellt sie fest. Es klingt fast wie „Leider verloren“.

Lange bevor der Countdown für den Atomausstieg begann, war Würgassen schon angezählt. Was anderen Kraftwerken am Ende ihrer Lebenslaufzeit droht, was in Stade an der Elbe gerade begonnen hat, worauf Mülheim-Kärlich in Rheinland-Pfalz wartet, wird hier seit 1997 praktiziert, und es wird noch bis 2010 dauern: der Rückbau.

Der Siedewasser-Reaktor Würgassen, 1972 ans Netz gegangen, 1994 wegen technischer Mängel abgeschaltet, gehörte zur ersten Generation Kernkraftwerke, die in Deutschland „industriell“ betrieben wurden: Meiler, die nur noch Strom und Profit liefern sollten, keine neuen Einblicke für Forscher mehr. Auf ungeahnte Weise liefert Würgassen jetzt doch noch Erkenntnisse – für den kommerziellen Abbau von Atommeilern. Und darüber, was dies für eine Gemeinde, eine Gegend, eine Zeit bedeutet. Für die ablaufende Uhr der Generation Kernkraft. „Der Stilllegungsbeschluss war für viele ein Schock“, erinnert sich Peter Klimmek, der seit 1975 Besucher durch das Kraftwerk führt. „Etlichen Kollegen wurde klar, dass sie hier keine Zukunft mehr haben.“ Viele wechselten an das Kernkraftwerk Unterweser. Klimmek blieb und zeigt Besuchern seither eine der größten und teuersten Baustellen Deutschlands.

Das Labyrinth aus Sicherheitsschleusen, Treppenhäusern und Blei-Abschirmungen kennt der Pressesprecher wie sein Wohnzimmer. Alle paar Meter kleben Banderolen mit der Aufschrift „Restbetriebssystem“ an den Rohren. Sie sollen verhindern, dass ein übereifriges Abrisskommando die falsche Leitung zersägt. Eine Putzkolonne ist mit Staubsaugern und Seifenschaum unterwegs. Lärmende Sauger filtern Staub aus der Luft. „Beim Rückbau dabei zu sein“, schreit Klimmek, „ist auch ein geschichtliches Ereignis.“

Der Rückbau hier hat mit einem normalen Abbruch wenig gemein. Eher mit Rückzug. „Bei einem konventionellen Kraftwerk verkauft man vielleicht die Turbine und den Kessel, dann kommt die Abrissbirne“, sagt E.on-Sprecherin Petra Uhlmann. Beim Rückbau eines Kernkraftwerks müsse man jedoch jedes Einzelteil anfassen. Das heißt hier: 255000 Tonnen Material, davon 80 Prozent Beton, der Rest Stahl, Kupfer, Messing und Kunststoff. Das entspricht etwa 3000 Güterwagons.

Dieser Abriss ist eine paradoxe Herausforderung für Ingenieure und Betriebswirte. Denn der Rückbau entpuppt sich als aufwändiger als der Aufbau Ende der sechziger Jahre. 400 Millionen Mark verbaute man zwischen 1968 und 1971. Für die Demontage (ab 1997) wurden 700 Millionen Euro Stromgelder zurückgelegt, so forderte es der Gesetzgeber. Hinzu kam die Inflation des Geldes – und der Vorschriften. „Das wird eine knappe Kiste“, sagt Uhlmann, „ich hoffe, dass wir mit diesen Rückstellungen auskommen.“

Für Walter Herold, den Bürgermeister von Beverungen, der 16000-Einwohner-Gemeinde, zu der Würgassen gehört, ist der Abriss ein finanzielles Desaster. Fast vier Millionen Mark Gewerbesteuer zahlte die E.on-Vorgängerin PreussenElektra 1994 noch in die Stadtkasse, 2003 fast nichts mehr. „Das Kraftwerk war ein Jahrhundertglücksfall für die Gemeinde – der uns jetzt wieder genommen wurde“, sagt er. Darum redet er lieber von der Vergangenheit. „Beverungen war bis 1968 ein Ackerbürgerstädtchen, danach herrschte Goldgräberstimmung.“ Und das hier. Der nächste ICEBahnhof ist eine Stunde Autofahrt von Beverungen entfernt. Eine halbe Stunde fährt man zur nächsten Autobahn. Traditionell wurden in der Hinterkammer des geografischen Herzens der Republik Möbel und Textilien hergestellt – heute Katastrophenbranchen.

„Die Wirtschaftskraft des Kernkraftwerks hat unsere strukturellen Nachteile verdeckt“, sagt Herold, „dadurch ging es uns gut.“ Der Atommeiler an der Oberweser ist nicht der einzige Betrieb, der dichtgemacht wird. Er ist nur mit Abstand der größte. Dabei hätte es noch schlimmer kommen können. Als Alternative zum direkten Rückbau hat man früher den „sicheren Einschluss“ praktiziert: einmotten und abwarten. In Lingen an der Ems befindet sich ein Kernkraftwerk seit 1988 in solchem Dornröschenschlaf. Hermetisch abgeriegelt, wird es bis 2013 nur von einer Hand voll Sicherheitsleuten bewacht. Bis dahin soll die Radioaktivität auf weniger als ein Zehntel abklingen. Anschließend wird das Kraftwerk zerlegt. Der Nachteil: Die alte Bedienungsmannschaft ist weg, ihr Know-how verloren, die Infrastruktur für den Rückbau muss neu errichtet werden.