Paris

Als Vordenker für Frankreichs Rolle in Europa und der Welt hatte Dominique de Villepin beizeiten das Notprogramm für die große Niederlage parat. "Wenn das Europa der 25 scheitert", fragte der besorgte Außenminister bereits Anfang November im kleinen Kreis eines Pariser Debattierclubs, "was bleibt den Franzosen dann übrig? Die Annäherung an Deutschland."

Doch mit seinem Reizwort von der union franco-allemande stieß de Villepin in Paris wie Berlin damals nur auf dröhnendes Schweigen. Solchen Defätismus war man von dem sonst so glühenden Kämpfer für Europas weltpolitische Mission nicht gewohnt. Ausgerechnet aus dem Mann, der die EU am liebsten als puissance complète preist, als künftige Vollwert-Macht, war unversehens ein Herold des Rückzugs geworden, der seine Zuflucht zum deutsch-französischen Kern mit den Worten begründete: "Es ist die einzige historische Wette, die wir nicht verlieren können."

Schnell zeigten die Dementis aus dem Außenministerium am Quai d’Orsay wie auch aus dem Berliner Kanzleramt, dass de Villepin seinen Vorstoß ohne jede Absprache gewagt hatte. Man habe keinen Geheimplan für ein neues "Françallemagne", hieß es in Paris. Und für Kanzler Schröder war der Unions-Gedanke nur "eine verführerische Vision", die nichts mit der näheren Zukunft zu tun habe.

Brillanz statt Effizienz

Doch weil nach dem gescheiterten Brüsseler Gipfel viele Kerneuropäer wieder von einer EU der verschiedenen Geschwindigkeiten sprechen, wird Dominique de Villepin nun auf einmal zitiert, als habe er seine Worte irgendwie praktisch gemeint.

Wohl zu Unrecht. Kaum ein internationaler Spitzendiplomat ist so wenig Realpolitiker wie de Villepin, der nicht im tagtäglichen Kräftemessen, sondern in glühenden Visionen seine Berufung sieht. Brillanz statt Effizienz, so lautet der Hauptvorwurf selbst aus dem eigenen Land.

Noch dazu gelten Unions-Gedanken aller Art den Franzosen, denen "Souveränität" immer noch ein hohes Wort ist, traditionell eher als Ausdruck politischer Schwächezustände. Von der überparteilichen Notstandsregierung union sacrée nach dem Kriegsausbruch 1914 bis hin zu Charles de Gaulles Aufruf zu einer union franco-britannique 1940 waren derartige Initiativen stets eine Notmaßnahme im Widerstand gegen äußere Feinde – und wurden später schnell wieder vergessen.