Der Euro ist auf Rekordkurs. Unaufhaltsam steigt die Gemeinschaftswährung. Im Dezember gab es kaum einen Tag ohne neuen Rekord, zuletzt lag er bei 1,2436 Dollar je Euro. Das ist auch in alter D-Mark-Rechnung immerhin ein Siebenjahreshoch. Doch es lohnt nicht, in Europa nach Gründen für den Kursanstieg zu suchen. Die gibt es nämlich nicht. Die Wahrheit ist tragischer: Es handelt sich um eine ausgeprägte Dollarschwäche.Die ausländischen Investoren sind nicht länger bereit Amerikas exzessiven Konsum zu finanzieren. Das Finanzkapital meidet den Dollar und setzt ihn so unter Druck. Fast 50 Milliarden Dollar Zuflüsse von außen brauchen die Amerikaner Monat für Monat, um weiter über ihre Verhältnisse leben zu können, sprich mehr ausgeben zu können, als sie im Inland erwirtschaften (Ökonomen nennen den Saldo "Leistungsbilanz"). Dabei ist es egal, in welcher Form das Geld ins Land kommt, über Investitionen in US-Aktien, in US-Staatsanleihen oder als Direktinvestition.Sechs Monate in Folge ziehen die ausländischen Anleger nun schon Geld von der Wall Street ab, obwohl die Kurse steigen - allerdings nur in Dollar gerechnet. Zum Glück gibt es die asiatischen Zentralbanken, allen voran die japanische und chinesische. Sie sorgen mit Staatsgeld noch dafür, dass der Dollar nicht kollabiert. Sie subventionieren den Dollar, damit ihre Exportgüter nicht teurer werden. Und das geht so: Die asiatischen Notenbanken verhindern per Intervention am Devisenmarkt ein Nachgeben des Dollar gegenüber Yen, Renminbi oder Hongkong-Dollar. Sie kaufen mit dem eigenen Geld unbegrenzt Dollar auf und legen sie in US-Staatsanleihen an. Das verhindert einerseits den ultimativen Dollar-Crash, anderseits hält es die Zinsen auf US-Anleihen schön niedrig.Die internationalen Investoren haben dieses Spiel durchschaut. Sie wissen, dass das Leistungsbilanzdefizit nur noch durch öffentliches Geld gedeckt ist. Irgendwann werden auch die asiatischen Zentralbanken aufhören, Amerika unbegrenzt Geld zu geben, fürchten sie. Dann droht Ungemach.Denn eins ist klar: Das Leistungsbilanzdefizit ist zu hoch. Es beträgt rund 5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Keine reife Volkswirtschaft hat je so kräftig über ihre Verhältnisse gelebt. Die Analysten von Deutscher Bank Research haben mal nachgerechnet, was passieren muss, damit das Leistungsbilanzdefizit in fünf Jahren auf 3 Prozent des BIP schrumpft. Entweder muss der Dollar gegenüber allen Währungen - auch gegen Yen und Renminbi - um weitere 30 Prozent abwerten. Der Euro notierte dann oberhalb von 1,60 Dollar. Oder: Der Dollar verharrt auf seinem heutigen Niveau, dafür muss aber der Rest der Welt Jahr für Jahr mit utopischen 6,5 Prozent wachsen, Amerika selbst aber nur mit jährlich zwei Prozent. Diese Szenarien skizzieren den mühsamen Anpassungsprozess für die Weltwirtschaft. Dabei weiß niemand, ob drei Prozent Leistungsbilanzdefizit langfristig überhaupt durchzuhalten sind, oder es noch kleiner werden muss. Sicher ist nur, es wird zu einem Mix aus Abwertung und langsameren Wachstum in den USA kommen, will man den Krach vermeiden.Für Euroland und vor allem Deutschland heißt das, dreierlei: Erstens, die Aufwertung des Euro ist noch lange nicht beendet. Darunter werden die Exporte kräftig leiden. Zweitens muss die Europäische Zentralbank die Zinsen weiter senken, damit der beginnende Aufschwung nicht gleich wieder über den Export abgewürgt wird. Im Notfall muss sie auch Dollar kaufen um den Krach abzuwenden. Und drittens müssen die Regierungen endlich mehr für Wachstum tun, endlich die Nachfrageseite der Volkswirtschaft stimulieren - auch wenn das nicht in die herrschende Wirtschaftsideologie passen mag. Strukturreformen wie sie zur Zeit in Deutschland umgesetzt werden, bringen kurzfristig gar nichts. Sie verunsichern nur, führen zu geringerem Einkommen und Konsumzurückhaltung. Aber genau das Gegenteil ist in dieser kritischen Situation vonnöten: Mehr Konsum durch Steuersenkungen, höhere Renten oder mehr Kindergeld und gleichzeitig mehr öffentliche Investitionen - und zwar schnell.Sicher ist: Der Dollar wird noch viel weiter fallen. Unsicher dagegen, ob er die europäische Wirtschaft mit in die Tiefe reißt. Eine mutige Geld- und Fiskalpolitik kann das verhindern.