Erst die Gefangenennahme Saddam Husseins, nun der überraschende, dazu friedliche Durchbruch an der libyschen Front. Kein Wunder, dass man in Washington und London erleichtert aufatmet. Nach Monaten blutiger Nackenschläge im Irak und der bislang ergebnislosen Suche nach Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen ist man zumindest in Libyen fündig geworden. Mehr noch, Oberst Ghadafi, lange Zeit einer der erklärten Bösewichte der islamischen Welt, der viele Jahre lang terroristische Gruppen aktiv unterstützte und bewaffnete, präsentiert sich nun als geläuterte Persönlichkeit – ein Paulus des internationalen Terrorismus. Nach einem bemerkenswert verschwiegenen diplomatischen Dauermarathon im Dreieck zwischen Tripolis, London und Washington. Ghadafi will nun auf sein gesamtes Arsenal an chemischen Waffen und atomaren Programmen verzichten und verkündet eine Botschaft des Friedens. Ein besseres Weihnachtsgeschenk hätten sich Bush und Blair nicht wünschen können.

Die Bedeutung dieses Schrittes ist kaum zu überschätzen. Ein islamischer Staat, der auf Amerikas Liste der Schurken einst ganz oben stand, verhandelte mit Briten und Amerikanern, während sie noch Krieg führten gegen ein anderes islamisches Land, den Irak. Ghadafi legte sein gesamtes, beunruhigend umfangreiches Programm für die Entwicklung chemischer wie atomarer Waffen offen. Anderen Ländern, nicht zuletzt denen der islamischen Welt, empfiehlt er, den gleichen Pfad der Tugend einzuschlagen.
Blair fand den richtigen Ton, als er von einer historischen und mutigen Entscheidung Libyens sprach. Auch ist es nur recht und billig, wenn diesem Land nun zügig der Weg in die internationale Völkergemeinschaft geebnet wird.

Der Krieg gegen den Terror und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen hat damit eine neue Dimension gewonnen. Washington und London konnten zeigen, dass es möglich ist, auch auf friedliche Weise voranzukommen. Nun hoffen sie auf die Signalwirkung des libyschen Schrittes. Tony Blair, dem die Rolle des Brückenbauers zwischen Europa und Amerika letzthin immer schwerer fiel, versäumte es nicht, sehr nachdrücklich die Bedeutung „multilateraler“ Bemühungen zu betonen und auf die Verhandlungen unter aktiver Beteiligung der Europäischen Union mit dem Iran und Nordkorea zu verweisen. Gedacht war das zweifellos auch als versöhnliche Geste an die Adresse der europäischen Partner, die man nicht in das libysche Spiel eingeweiht hatte.

Natürlich versprechen sich Bush wie Blair vom libyschen Erfolg auch eine Entlastung an der innenpolitischen Front. Vor allem Tony Blair kann sie gut gebrauchen. Für den Premier der Briten dürfte bedeutsamer sein, dass er für seinen sicherheitspolitischen Kurs zu Hause wie bei den europäischen Verbündeten größeres Verständnis erwarten kann. Im möglichen Zusammenfließen von Massenvernichtungswaffen, produziert von sogenannten Schurkenstaaten, und transnational operierenden Terrorgruppen wie Al Kaida sah Blair, lange schon vor Bushs Einzug ins Weiße Haus, die größte Gefahr für die Welt. Für ihn war dies das entscheidende, wenn auch nicht einzige Argument, das den Waffengang gegen Saddam Husseins Regime rechtfertigte. Vom schnellen militärischen Zusammenbruch des Irak erwartete die angloamerikanische Koalition einen heilsamen Schock auf jene Staaten, die Amerika zur „Achse des Bösen“ zählt.

Angesichts des langen, blutigen Guerillakrieges im Irak schien sich diese Hoffnung zu verflüchtigen. Nun konnten Washington und London demonstrieren, dass eine Strategie, die auf Zuckerbrot und Peitsche setzt, auf die Drohung mit militärischen Mitteln wie auf das Angebot zu Rehabilitierung und Kooperation, doch erfolgreich sein kann. Die Chancen, dass ihr Kalkül langfristig aufgeht, sind gewachsen. In Berlin und Paris sollte man Briten wie Amerikanern ihre offenkundige Genugtuung über den diplomatischen Coup nachsehen. Wenn Libyen sein Wort einlöst, wäre ein entscheidender Schritt nach vorne gelungen. Er liegt im Interesse der ganzen Welt.