Warum sind Sie im Juni, als Deutschland und die Welt Angst vor Sars hatten, ausgerechnet nach Hongkong gefahren?

Ich hatte dort einen kleinen Lehrauftrag in Anthropologie an einem College. Die Sache war lange vereinbart, und ich wollte nicht kneifen. Auch nicht, nachdem der Direktor, die Direktorin und ihr Sohn an Sars erkrankt sind. Ihr Wohnblock war direkt neben dem, der komplett unter Quarantäne stand. Nan Pin, der Direktor, hat sich wahrscheinlich unten im Supermarkt angesteckt. Er ist gestorben, noch bevor ich ankam.

Spätenstens da wäre wahrscheinlich jeder halbwegs vorsichtige Mensch zu Hause geblieben.

Ich hatte keine Sorge. Für meine Arbeit war ich ständig in Indien, dort brechen öfter mal Pest und Cholera aus, und keiner regt sich groß auf. Außerdem war Hongkong an dem Tag, als ich flog, seit zehn Tagen ohne neue Ansteckung. Ich wollte unbedingt hin, wollte die Kinder ablenken, nachdem ihr Vater gestorben war. Die Kinder sehen in mir eine Art Lieblingstante.

Ihre Verwandten in Deutschland waren davon wohl weniger begeistert.

Meine sieben Geschwister waren ziemlich entsetzt, die kleinste Schwester hat schrecklich geheult. Aber ich habe sie beruhigt: Ich werde jeden Tag eine SMS schreiben, um zu zeigen, dass es mir gut geht.

Sie wurden dann aber trotzdem krank.