"Boszik, immer wieder Boszik, der rechte Läufer der Ungarn. Hat den Ball verloren diesmal…" Und wie geht’s weiter, Herr Ströbele?

Weiß ich nicht.

"…an Schäfer." Und dann?

Ich kann das nicht auswendig! Sagen Sie’s.

Herr Ströbele! "Schäfer! Nach innen geflankt! Kopfball! Abgewehrt…" Jetzt aber!

Irgendwann kommt Rahn, hat den Ball, Rahn müsste schießen und Tor, Tor, Tor oder so.

Wir müssen das jetzt ganz langsam sagen, weil uns sonst niemand glaubt. Der Radioreporter Herbert Zimmermann, der 1954 mit seiner Reportage über das 3:2 der Deutschen gegen Ungarn im WM-Finale berühmt wurde, war Ihr Onkel.

Richtig. Mein einziger Onkel. Mütterlicherseits. Ich erinnere ihn zum ersten Mal, als ich sechs war, Weihnachten 1945, da kam er direkt aus der Kriegsgefangenschaft zu uns nach Marl in Westfalen. Ein paar Jahre später war er dann der berühmte Sportreporter des NDR.

Und Sie können seine Reportage zwar noch nicht auswendig, können sie aber trotzdem nicht mehr hören.

Na ja, ganz so ist es nicht. Wenn ich meinen Onkel jetzt wieder öfter höre, freue ich mich natürlich. Nur ist damit auch viel Aufwand verbunden.

Weil Sie jede Wiederholung des "Tooor! Tooor! Tooor!"-Schreis erlauben müssen und dafür Tantiemen bekommen.

Ja. Es ist so: Die Rechte an dieser Reportage, soweit sie nicht in der ARD wiederholt wird, liegen juristisch bei mir. Als mein Onkel, der ohne Familie war, gestorben ist, sind sie auf seine Schwester, also meine Mutter, übergegangen. Seit auch meine Mutter nicht mehr lebt, auf deren vier Kinder. Und weil ich der Jurist in der Familie bin, habe ich schon zu Lebzeiten meiner Mutter diese Rechte verwaltet und tue das bis heute.

Das heißt, Sie müssen jede einzelne Wiederholung genehmigen und neu verhandeln?

Ja. Und in diesem Jahr ist mir das alles ein bisschen viel geworden. Ich weiß gar nicht, wie das im nächsten Jahr zum Fünfzigsten werden soll. Jetzt hat beispielsweise Sony angefragt, für irgendeine Werbung. Und ein Hersteller von Kuckucksuhren. Der wollte seinen Kuckuck "Tooor, Tooor, Tooor!" rufen lassen – habe ich aber abgelehnt. Bierreklame auch. Und es kommen viele Briefe, vom NDR weitergeleitet, Briefe von Privatleuten, die die Reportage zu fünfzigsten Geburtstagen oder auf Feuerwehrbällen spielen wollen. Die kriegen das in der Regel ohne Entgelt. Aber wenn’s kommerziell wird, muss gezahlt werden.

Sicher sagen Sie nicht, wie viel.

Ach, doch: Ich habe gerade meine Steuererklärung für das Jahr 2002 gemacht, und da war es eine vierstellige Summe. So viel ist es nicht.

Reicht doch für ein paar schöne Havannas…

Nein. Das wird gespendet. Schon meine Mutter hat es damals für einen Anthroposophen-Kindergarten eingesetzt.

Am 16. Oktober 2003 lief Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern" an. Musste der auch zahlen?

Ja, das ist eine Geschichte, die hatte ich völlig unterschätzt! Vor anderthalb Jahren rief eine Filmproduktionsfirma namens Little Shark an. Kannte ich nicht. Ich dachte, das seien so kleine, experimentelle Dokumentarfilmer. Dann sagten die auch noch, sie wollten das Fußballspiel nachstellen und die Reportage meines Onkels nachsprechen. Nachstellen! Nachsprechen! Erfolgversprechend hörte sich das nicht an.

Demnach haben Sie schlecht verhandelt…

Den Betrag werde ich Ihnen nicht nennen. Aber auch er liegt – für alle vier Erben zusammen – nur im vierstelligen Bereich.

Und nun? Gefällt Ihnen der Film?

Die Story ist natürlich schablonenhaft, aber ich fand den Film trotzdem gut. Ich habe vieles wiedererkannt. Die Zeit. Die Szenen. Das, was ich mit meinem Onkel zusammen erlebt habe. Dieses Improvisierte, diese Einfachheit damals. Ich war als Junge manchmal mit dabei, wenn der Onkel mit Sepp Herberger geredet hat. Oder mit Fritz Walter. Er hat mich auch zu Spielen mitgenommen, auf Schalke standen wir oben auf dem Dach der Glück-auf-Kampfbahn, Reporterkabinen gab’s ja noch nicht. Er mit dem Mikrofon in der Hand und ich stolz daneben! Ich habe das Spiel angeguckt und dachte immer: "Mensch, ist der Onkel weit zurück, auf dem Platz ist doch schon wieder was anderes passiert!"

Klein Ströbele zwischen Herberger und Zimmermann – diese ganze Glorie, die da heute hineingedeutet wird, haben Sie damals nicht gespürt?

Nein. Die gab’s auch nicht.

Die Freudenschreie Ihres Onkels waren noch nicht so kultig wie heute?

Die waren nach ein paar Wochen vergessen. Und jahrzehntelang hat niemand danach gefragt. Nur unmittelbar nach dem WM-Finale, das hat der Onkel erzählt, hat er ziemlichen Ärger mit der Kirche bekommen. Weil er Toni Turek, den Torwart, als "Fußballgott" bezeichnet hatte.

Aber an jenem 4. Juli 1954, dem Endspieltag, war Ihnen schon bewusst, dass Ihr Onkel große Geschichte kommentieren durfte?

Ja, schon. Was dieses Spiel angeht, in meiner Erinnerung habe ich es bei uns zu Hause in der Werkssiedlung der Chemischen Werke Hüls gehört. Das heißt: Ich bin zu spät nach Hause gekommen. Ich bin durch die Straßen gegangen, und ich meine mich zu erinnern, dass die ganz leer waren und ich aus einigen Häusern den Onkel hörte.

Ihr Onkel war auch noch 1958 bei der Weltmeisterschaft in Schweden, 1962 in Schweden, 1966 in England, war Sportchef des NDR und kam dann im Dezember 1966 durch einen Autounfall in seinem Mercedes 220 S Coupé ums Leben.

Ja, da war er 49. War ein gemachter Mann. Wenn ich in Hamburg beim Onkel zu Besuch war – er war der Chef! Wichtiger Posten! Wichtigster Sportreporter des NDR! Er konnte sich die Spiele aussuchen, die er kommentierte.

Stört Sie heute seine martialische Ausdrucksweise beim Fußball?

Was meinen Sie?

Bei Ihrem Onkel klang es manchmal so, als müssten verlorene Schlachten auf dem Rasen revidiert werden: "Sie hören an der Gerrräuschkulisse, dass ein deutscher Angriff rrrrollt."

Das sehe ich anders. Diese Reportage wird in vielem überinterpretiert – auch jetzt von Ihnen. Ich erinnere mich, dass der Onkel einmal erzählt hat, was er sich vor dem Finale für Beschwichtigungsformeln zurechtgelegt hatte: Schon das Erreichen des Endspiels ist eine Sensation. Er wollte einer Enttäuschung vorbeugen. Er hat vorher überlegt, wie er die Höhrer beruhigen kann. "Mit der Finalteilnahme können wir doch zufrieden sein", hat er gemeint. Und dann? Fielen die Tore, und er war mindestens genauso überrascht wie alle anderen – da ist es mit ihm durchgegangen.

Wir müssen leider aufhören, wie wir angefangen haben. Es regnet in Bern und "die Ungarn erhalten einen Einwurf zugesprochen. Der ist ausgeführt, kommt zu Boszik…"

Ich sagte doch schon: Ich weiß es nicht.

Herr Ströbele! "Auuuuus…"

Ach so. Ja. Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister. Stimmt’s?

Das Gespräch führte HENNING SUSSEBACH