Herr Professor Kirchhof, Mitte November haben Sie Ihr Steuermodell vorgelegt. Es war der einfachste und radikalste aller Reformansätze, ein Gesetzestext, der auf neun Seiten Platz hat und einen Steuersatz von 25Prozent auf jede Form von Einkommen vorsieht. Das, worauf sich Regierung und Opposition nun am 15. Dezember im Vermittlungsausschuss geeinigt haben, ist weit davon entfernt. Sind Sie enttäuscht?

Nein, ich glaube, dass dies ein erster kleiner Schritt ist auf dem Weg zur großen Reform. Man hat mit dem Subventionsabbau begonnen, wenn auch nicht ausreichend. Man hat die Steuersätze gesenkt, wenn auch sehr zaghaft. Man hat die Richtung vorgezeigt, nun muss ein großer Wurf folgen. Die Erwartungen der Menschen, die Bedürfnisse der Wirtschaft drängen unausweichlich auf eine Strukturreform.

Man hatte in der vergangenen Zeit mitunter den Eindruck, dass die deutsche Politik sich bei grundlegenden Veränderungen schwer tut.

Ich darf an den großen Wurf vor 14 Jahren erinnern: die Wiedervereinigung. Damals hat die Welt den Atem angehalten ob der Reformfähigkeit Deutschlands. Noch sind wir davon ein bisschen erschöpft. Aber diese Erschöpfung müssen wir überwinden und die nötigen Reformen angehen: im Arbeitsrecht, im Sozialrecht und im Steuerrecht.

Ist unsere Gesellschaft denn zu so grundlegenden Reformen überhaupt in der Lage?

Ich stehe seit über 25 Jahren als Professor im Hörsaal. Und wir hatten eigentlich noch nie eine so aufgeschlossene, artikulationsfähige, auch an den Grundsatzfragen interessierte Studentengeneration wie heute. Eine, die sich auch mit Kulturfragen und mit Fragen der Menschenrechte beschäftigt, die sich bewusst ist, dass sie dieses schöne Rechtssystem in vielen Details wesentlich erneuern muss – und das auch tun will. Also: Wenn wir es nicht schaffen, dann schafft es die nächste Generation. Aber besser wäre es, wir würden nicht so lange warten.

Das Gespräch führte MARK SPÖRRLE