"Sagen wir es kurz", resümiert der Biograf Scheck. "Die Zenturien sind nicht übertragbar in eine andere Sprache. All die Sprachkniffe, mit denen Nostradamus seine Wahrsprüche formte, rücken schon die französische Originalfassung ins Dämmer der Unverständlichkeit." Doch sagt das nichts über das in ihnen wohnende kreative Potenzial, die Schatztruhe der ewigen Nostradammnis, das Füllhorn der Verse als Quell immer neuer Vorhersagen, die sich den Ereignissen nachwerfen lassen. Nostradamus macht es möglich, die Zukunft von gestern zu erklären, den Zeitläuften einen inneren Plan abzugewinnen.

Und so hat der Mann tatsächlich alles vorhergesehen. Napoleon, Hitler und Ghaddafi. Das Attentat auf Lincoln und den Mord in Sarajewo, Hiroshima und die Gründung des Staates Israel. Selbst wenn er, selten genug, konkrete Jahreszahlen nennt und für 1999 das Erscheinen eines Schreckensherrschers verkündet, ereignet sich immerhin eine totale Sonnenfinsternis.

Hat er auch den 11. September 2001 schon prophezeit?

Nostradamiker sind offen für alles und jeden, lesen mühelos aus dem gleichen Vers (III, 74) den Dritten Weltkrieg, die Krönung von König Charles III. oder eine weitere Regierungszeit von Benasir Bhutto in Pakistan heraus. Nostradamus hat, wer will daran zweifeln, den Anschlag auf das World Trade Center vorausgesehen. In der sechsten Zenturie, Vers 97: "Fünfundvierzig Grad wird Himmel glühen, / Feuer nah’n der großen neuen Stadt, / Groß im Augenblick die Flamme sprühen, / Von Normannen man die Probe hat." New York liegt auf dem 40. Breitengrad. Aber vielleicht hat Nostradamus bewusst eine falsche Spur gelegt, um der Inquisition eins auszuwischen? Wer weiß. In den Sternen stand es jedenfalls deutlich geschrieben. Die Astrologen haben es gleich, schon am Tag danach, vorhergesehen. Saturn in Opposition zu Pluto, Uranus in Opposition zu Venus, Mars in Opposition zum absteigenden Mondknoten, eine Katastrophenkonstellation auf der Bahn der vergrabenen Wut, es musste so kommen.

Ein leiser Zweifel bleibt. Können wir dem Himmel noch vertrauen? Hat sich der Frühlingspunkt, Ursprung aller astrologischen Berechnungen, nicht in den letzten zweitausend Jahren vom Sternzeichen Widder über die Fische zum Wassermann hin verschoben? Sind es also wirklich noch Skorpione, die angeblich typische Singles bleiben? Gehören die Steinböcke, die zum Drogenkonsum neigen, nicht längst ins Sternbild Waage? Sind die Löwen, die so gern Audi fahren, nicht schon zu Zwillingen geworden? Irrt der studierte Mathematiker Gunter Sachs etwa, der mit all diesen Daten einen großen Computer gestopft hat? Worauf ist denn noch Verlass? Wo sind die Fixsterne der einst so klaren Welt? Ist das Sternbild des Löwen überhaupt eins? Nur fürs menschliche Auge scheint es auf einer Ebene zu liegen. Doch wenn die Venus im Löwen steht, ist sie gerade mal zwei Lichtminuten von der Erde entfernt, der Stern Beta im Löwen jedoch 43, der Stern Epsilon sogar rund 1630 Lichtjahre. Wo bleibt da der Zusammenhalt? Nichts ist mehr sicher. War mag da noch an Horoskope glauben? Von der Riester-Rente gar nicht zu reden.

Dunkel wabern die Prophezeiungen. Nostradamiker sind überall, tarnen sich als Propheten des Weltuntergangs, Umweltschützer oder Klimaforscher. Noch zögert die Evolution, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Apokalypse – No. Aber wie lange noch? Der Untergang steht bevor, an der Börse raunen die Gurus, und die Manager, die auf sie hören, vernichten Milliarden und werden dafür mit Millionen entlohnt. So ist die Welt. Nostradamus sagt es im Internet: "Lange Leere wird sein durch den tobsüchtigen Kopf, / Delirium ist einem großen Volk auferlegt." Was lernen wir daraus? Zukunft naht. Unaufhaltsam. Und jetzt ist Weihnachten.