In Thessaloniki könnte man meinen, die Stadt sei schon fertig gewesen, da schlugen vom Himmel herab die Kirchen ein, mit solcher Wucht, dass sie erst unter dem Straßenspiegel Halt machten. Da stehen sie jetzt, eingebettet wie in steinerne Wannen, und wenn man die Stufen zu ihnen herabsteigt, steigt man unweigerlich ins Urchristentum. Mächtige Bilder empfangen einen dort. Ob man die orthodoxe Kirche, über das Erlebnis hinaus, so einfach verstehen kann? Auf den Ikonenmalereien herrscht in der Mitte des göttlichen Lichts das Dunkel, das Nichtauslegbare, das den Gläubigen anders als in der Westkirche von der allerletzten Zermürbung des Verstandes entlastet. Für die Anrufung dieses Dunkels gibt es über die einfachen Riten hinaus Priester und Mönche in hoher Zahl. Diese treten nicht nur zur Messe in Erscheinung, nein Gotteshäuser sind in Thessaloniki ihr ganztägiges Terrain, sie erklären hier und fotografieren dort, setzen die Ikonostase ins Licht greller Scheinwerfer, um sie im Bild zu dokumentieren, und machen es so dem Besucher schwer, dem heiligen Demetrius ein Kerzlein anzuzünden.

Auch das Straßenbild bestimmen die Popen. Wenn sie nicht am Kai die Enten füttern, im Bus in den Halteschleifen schaukeln, schwärmen sie über Plätze und Straßen, wie Beamte einer höheren Behörde, Aktentaschen und Sesamkringel in der Hand. 97 Prozent der Griechen sind orthodox und haben von Kindesbeinen an gelernt, sich im Laufschritt zu bekreuzigen, wenn aus einem Kapellchen von der Größe eines Taubenschlags ein Heiliger auf sie blickt. 543 Klöster verteilen sich als Zeichen ihrer Frömmigkeit übers Land. Doch keines hat Fremde so in Bann gezogen wie der heilige Berg Athos, jene Halbinsel, deren mönchische Besiedlungsgeschichte im Jahr 963 mit den Anachoreten begann und heute 20 Großklöster zählt. Keines hat so viele Landschaftsbeschreibungen und Zeugnisse der Selbsterfahrung hervorgerufen – und trotzdem ist der Berg eine Enklave geblieben. Eine Hochburg für gläubige Pilger, sagen die Theologen an der Universität Aristoteles in Thessaloniki. Viel Austausch gebe es nicht. Öffnung und interkonfessionelle Kontakte seien für alle orthodoxen Klöster schwer. Da wüssten sie höchstens von ein paar kleinen, mutigeren, die dies versuchten.

Aber das große, dem Athos rechtlich zugehörige Frauenkloster Moni Evangelismou – hat das nicht einen freieren Entwurf? Vor 30 Jahren bei Ormylia gegründet, dehnt es sich vor der Tür des für Frauen unbezwingbaren Athos-Territoriums aus wie eine erstarkte Nebenbuhlerin. Seit neuestem, hat man gehört, öffnet es Besucherinnen seine Türen, damit auch die andere Hälfte der Menschheit in jene Stille der Natur und der geistigen Kontemplation eintreten könne, von der die heilige Männerwelt seit 1000 Jahren in ihrer Hermetik erzählt.

Zwei Stunden dauert der Überlandbus von Thessaloniki über den östlichen Chalkidiki-Sporn, der sich wie ein Finger ins Mittelmeer schiebt. Das Kloster zwischen Ormylia und Vatopedi ist selbst so groß wie ein Dorf, eine Wehranlage, inmitten bewirtschafteter Felder, mit einem Parkplatz für 100 Autos vor der Pforte. Wer hier Herberge im Gästeflügel sucht, sollte den Nonnen allerdings bekannt sein oder jenes Fluidum der religiösen Zugehörigkeit ausstrahlen, das einen unverdächtig macht, allzu weltliche Fragen zum Kloster zu stellen. Sitzt man bei höflichem Plaudern vor der Kaffeetasse und dem Schälchen mit bestäubten Geleewürfeln, kann man über dem lächelnden Mund der Schwester nicht den eisernen Widerstand in den Augen übersehen: Sie durchleuchten wie ein Röntgengerät die Seele der Besucherin nach kritischen Partikelchen, die diese womöglich hier einschleusen will. "Wir sind über Monate ausgebucht", sagen die Nonnen, nicht ohne eine Spur Eitelkeit in der Stimme. Doch auf den im Garten anmutig verteilten Bänken, den mit Mosaiken gepflasterten Höfen ist niemand zu sehen. "Oh!", die Schwestern lächeln wieder, "vielleicht sind alle bei der Olivenernte." Man könne sich auf eine Bank setzen und zur Geschichte des Klosters einen recht teuren Bildband ansehen.

Man ist allerdings nicht nach Griechenland gereist, um sich mit einem Bildband in Kontemplation zu üben. Und deshalb steht man zunächst einen Moment lang ratlos vor dem Kloster und blickt in Richtung Osten auf das große und lang gestreckte Massiv des Athos, dann nach Westen auf das thessalische Festland und den Olymp. Wen der Athos nicht will, sollte der besser zum Olymp gehen? Soweit man von den kleinen, offeneren Klöstern Kunde bekam, soll dort eins sein: das Bergkloster Timíou Prodrómou bei Anatolí.

Wieder sind es zwei Stunden mit dem Bus, nach Lárissa. Aber ach, der Olymp hüllt sich in Wolken, und die gesamte Bergregion, die sich im Süden anschließt, vom Ossos bis zum Kissabos, ist in der Regenzeit den Göttern überlassen, ein Mensch sieht hier die Hand vor Augen kaum. Wie am Telefon verabredet, warten an Bussteig A die Nonnen und laden den Gast ins Auto. Der Ford Kombi zieht sich in 1000 Meter Höhe durch den Nebel, der manchmal kurz aufreißt, ein Jäger taucht dann auf, ein Rotwild, der Umriss von Buchen und Zedern. Schwester Theodekti sitzt am Steuer und tritt das Gaspedal umso energischer durch, je unbequemer ihre Fragen werden. "Was wissen Sie vom mönchischen Leben? Kennen Sie die orthodoxe Kirche? Was wollen Sie in einem Kloster? Sich erholen?" Die Mitschwestern im Fond lachen. Ein Spiel für Neuankömmlinge, nicht ohne Ernst. Der Wagen stoppt. Unter dem Vordach eines Gebäudes, das an ein Schweizer Haus erinnert, warten die anderen Schwestern, um den Gast segnend zu begrüßen. Sie machen das auf Griechisch, Englisch und Deutsch.

Zwanzig Gästezimmer hat das Haus, gerade fertig geworden, nur die Heizung fehlt. Keine zehn Nonnen sind vor drei Jahren hierher gezogen, das war die Hälfte aus dem Mutterhaus in Lavrion bei Athen. An der Wand der Eingangshalle ist das Unternehmen im Foto dokumentiert. Da sieht man die Schwestern auf alten Blechtonnen balancieren und die Decke verputzen, die Bohrmaschine ansetzen und den Estrich gießen. Die Vier-mal-sechs-Stundenregel des Betens, Schlafens, Arbeitens und Lernens gebe es im Kloster, richtig, aber die Arbeit sei die erste, kolportieren sie gerne. Wegen der Tiere, die zwischen Flughafenerweiterung und Autobahn keine Weide mehr fanden, sei man hierher gezogen. Und dann sollte etwas gerettet werden, was sich erst auf den zweiten Blick zeigte; denn hinter der Bauruine, die albanische Flüchtlinge nutzten, verbarg sich die Geschichte des heiligen Damianos. Der Athos-Mönch war 1550 vom heiligen Berg herabgestiegen und hatte hier, mit ein paar Mönchen in seiner Begleitung, ein einfaches Kloster gegründet. In die Mitte setzten sie eine Kirche, die sie sorgfältig ausmalten. Sie ist bis heute auch das Herz des neuen Klosters, das eigentliche Sanktuarium, das außerhalb liegt. Als der Regen aufgehört hat, gehen wir zu den roten Steinen.