Es gibt Entscheidungen, die brauchen Zeit und den richtigen Ort. Das Café Russe am Boulevard des Pyrénées in Pau ist ein großartiger Ort für solche Entscheidungen, zumindest an diesem Dezembertag um halb zwölf. Ich bin der einzige Gast an den Tischen draußen, die auf den Boulevard gehen. Hinter mir liegt Pau, eine kleine saubere Stadt. Vor mir steigt die Sonne gerade über die schneebedeckten, ruppigen Gipfel der Pyrenäen und strahlt mir direkt ins Gesicht, sie wärmt. Die Entscheidung ist keine große, aber weil ich gerade keine anderen Probleme mehr habe, zieht sich das Ganze doch über zwei Tassen Kaffee hin. ZEIT-Grafik

Es geht ums Mittagessen. Entweder foie de canard, Entenleber, oder huitres, Austern, und wenn schon, dann die "Belon Numéro Zéro". Das Schwierige an der Entscheidung ist, dass ich beides bereits am Abend zuvor gegessen habe. Huitres und foie de canard klingen luxuriös, sind aber in Pau kaum der Rede wert. Die Feinschmeckerdröhnung ist so überwältigend, dass die Einheimischen zur Erholung von Auster und Leber gerne mal in eine der Pizzerien rund um den Place Clémenceau im Zentrum ausweichen. Wer allerdings von weit her gekommen ist, und das billig, kann natürlich nicht aufhören, sich in dieser Delikatessenwelt zu suhlen.

Pau liegt eine Autostunde nördlich der Pyrenäen. Ein Stunde ist es bis zum Atlantik, vier sind es bis zum Mittelmeer. Der Jakobsweg führt durch die Stadt; Pau ist regelmäßig Etappenort der Tour de France; während der Pfingsttage gastiert die Formel 3 in der Stadt und donnert durch sie hindurch; der lokale Basketball-Club ist die Nummer eins in Frankreich. Pau ist zwar die zweitgrößte Stadt des Departements Aquitaine im Südwesten Frankreichs, jedoch nicht wirklich groß: 80000 Menschen leben hier. Für den Tourismus wurde Pau schon früh entdeckt. Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts schätzen die Engländer das milde Klima, das es erlaubt, im Januar im Hemd unter Palmen zu sitzen. Vor 200 Jahren wurde es direkt schick, in Pau zu überwintern. Außerdem praktizierte hier Dr. Alexander Taylor, der berühmteste Arzt Englands, und heilte vermögende Briten vom Typhus. In diesen Tagen war jeder siebte Einwohner Paus ein Engländer. Sie jagten, tranken, aßen und bauten viktorianische Villen, eine Pferderennbahn und den ersten Golfplatz auf dem europäischen Kontinent. Pau wurde sogar ein klein wenig mondän. Seit April 2003 rollt nun die zweite Welle. Denn seitdem fliegt Ryanair den neuen Flughafen von Pau an. Zehntausende, meist wieder Engländer, kommen hier im Schnitt monatlich an, im September waren es 30000. Knapp drei Viertel von ihnen, so hat die Stadt ermittelt, bleiben mindestens eine Nacht in Pau.

Die Entscheidung ist da: Austern. Aber da klingelt das Handy. Steve ist dran, der Presseattaché, und lädt ins Les Pyrénées zum Mittagessen ein. Das Pyrénées ist hip, man merkt es an den Kellnern, die nicht aussehen wie Kellner, sondern wie junge Gastromanager, die zufällig mal kellnern. Das Lokal samt Weinbar ist voll, Krawattenträger, gut erhaltene Damen auf Shopping-Pause, auf jedem Tisch steht eine Flasche Wein, Jurançon oder Madrian, die lokalen Helden. Menü zu 13 Euro: heimische Wurstwaren, Fisch und Risotto, Poire Belle Hélène zur Nachspeise. Weißwein, Rotwein, Dessertwein. Zweieinhalb Stunden später stehe ich wieder auf der Straße. Ich weiß nicht ganz, wie ich mich fühle nach dem Essen mit Steve. Nicht mehr nüchtern, aber auch nicht betrunken. Die Sonne flutet immer noch den Boulevard des Pyrenées. Jugendliche in Schlabberhosen mit diesen gesunden roten Wangen, wie man sie nur noch in der Provinz zu sehen bekommt, latschen den Boulevard hoch, biegen vor dem Geburtsschloss Heinrichs des IV. rechts ab und steuern den Schnellimbiss Quick an. Vor dem Quick lungern jene jungen Menschen Paus rum, deren Wangen blass sind, die keine Arbeit finden oder keine finden wollen. Frank zum Beispiel. Frank der Freak, der in einer wirklichen Stadt kaum auffallen würde: Hosen bis über die Knie, nackte Waden, Turnschuhe, gefärbte Haarbüschel auf dem Kopf, deren Farben man auf dem Haupt seines Hundes wiederfindet. Frank schnorrt, und immer wenn er ein paar Euro zusammenhat, kauft er sich einen Hamburger. Aber sein Weihnachtsgeschäft läuft schlecht, die Leute geben wenig. "Das ist voll die Härte, Mann."

Ein Bier wäre jetzt gut. Ein Kronenbourg in einer schmuddligen Bar mit dem "tabac"-Schild über der Tür, einem Wirt mit Moustache und Pastis trinkenden Franzosen. Aber es ist noch zu früh, um abzutauchen. Nur ein paar Palmen weiter liegt das Casino im Palais Beaumont, auf den Steve so stolz ist. Am Ende des Boulevards thront das im Jahre 2000 renovierte, elegante Gebäude, das vor gut 100 Jahren als Winterresidenz für wohlhabende Briten errichtet wurde. Heute dient es als Kongresszentrum samt Bar und Restaurant. Aber es wartet noch ein wenig auf seine Kunden. Im knapp 80 Jahre alten Casino, das ein bisschen versteckt liegt, sind die Kunden dagegen schon seit zehn Uhr morgens da. Alles, was Alter hat, Einsamkeit, Langeweile und eine miese Rente, trifft sich hier.

Vor den einarmigen Banditen sitzt bei lauter Popmusik jenes Pau, an dem jeder Aufschwung der Stadt vorbeiziehen wird. Witwen in Schwarz, Männer mit abgewetzten Lederjacken aus dem Supermarkt, Frauen und Männer, die mit 3-Deziliter-Pappbechern von Maschine zu Maschine ziehen und ein 50-Cent-Stück nach dem andern verfüttern. Manchmal gewinnen sie, und das Lächeln dabei dauert so lange, wie eine Münze braucht, um den Apparat wieder in Gang zu setzen. Natürlich gibt es einen ersten Stock im Casino, wo Roulette gespielt wird und Black Jack. Aber jetzt im Dezember sind die Tische nicht gut besucht, die Einsätze gering. Einsätze, die nicht zur Stadt passen. Pau spielt nämlich gerade alles oder nichts.

Die Stadt soll nach oben, sie soll, so will es der Bürgermeister und Chefträumer Paus, die exklusivste Kleinstadt Frankreichs werden. Einschließlich einer Art Internet-City und zwei Vier-Sterne-Hotels. Doch ob sich ausgerechnet die Massen von englischen Billigtouristen, die in Pau erträgliches Wetter und alkoholhaltige Kaltgetränke suchen, mit der angestrebten Exklusivität vertragen, das ist die eine Frage. Die andere: Können die neuen Touristen überhaupt in der Stadt gehalten werden? Denn es liegt zwar alles schön nahe, der Atlantik, die Pyrenäen. Aber eben nicht unmittelbar vor der Haustür. Man spürt nicht die Stille des Gebirges. Vor allem aber hört man nicht das Brausen des Ozeans. Pau ist die Stadt der Palmen ohne Strand. Darum ziehen die Touristen weiter. Nach Biarritz oder Bayonne oder an die Côte d’Azur.

Zumindest ein Strand ist versprochen: Neben dem Bahnhof wird gerade ein brachliegendes Industriegebiet plattgemacht. Dorthin kommt ein künstlicher See, einen guten Kilometer lang und einen breit. Irgendwann nach 2010, wenn das Wasser eingelassen sein wird, sollen Weltmeisterschaften im Wildwasserfahren, in dem die Franzosen wirklich gut sind, stattfinden. Womöglich geht sie ja dann los: die goldene Zukunft von Pau.