Li Ning setzt andere Prioritäten. "Chinas Mr Nike" beherrscht mit seinen Turnschuhen ein Drittel des chinesischen Marktes. Auch er ist ein Vorbild für die ehrgeizige Jugend des Landes, weil er es erst als Weltklasseturner, dann als Selfmade-Unternehmer geschafft hat. Doch zählbarer Erfolg reicht Li nicht. Ihm ist wichtig, "dass die Regierung das Problem wachsender Ungleichheit erkannt hat". Zwar seien die Chinesen heute ein offenes Volk, als Konsumenten hätten sie bereits ein starkes Qualitätsbewusstsein entwickelt. "Aber die Moral muss erst noch zur Gewohnheit in unserer Gesellschaft werden."

25 Jahre Boom und kein Ende

Zwei Unternehmer – zwei Botschaften. Der eine präferiert die radikale Variante der Marktwirtschaft, der andere die soziale. Doch in einem Punkt sind sie sich einig: Chinas Kapitalismus absorbiere zwar westliche Einflüsse, werde aber ganz und gar eigenständig bleiben.

Im Zeitraffer, so wie Blumen in Naturfilmen erblühen, holt das Land die Entwicklung zur Industrienation nach. Die Kennzahl dafür ist acht. Nicht acht Bilder pro Sekunde, sondern acht Prozent Wachstum im Jahr. Seit 25 Jahren wächst die Wirtschaft durchschnittlich in diesem Tempo, und im laufenden Jahr legt sie noch schneller zu, obwohl im Frühling die Sars-Seuche herrschte. Für 2004 rechnen zwar viele Ökonomen mit einer Abkühlung, was in China immer noch sechs bis sieben Prozent Zuwachs bedeutet, aber die Experten der Investmentbank Goldman Sachs haben ihre Meinung schon revidiert: Sie erwarten für dieses Jahr 8,7 Prozent, fürs nächste 9,5 Prozent.

Wenn eine Wirtschaft mit acht Prozent wächst, verdoppelt sich ihre Leistung alle neun Jahre. Und das Volkseinkommen. Und der Konsum. Derzeit gibt es wenig Gründe, warum das Wachstum nicht ein weiteres Jahrzehnt und länger anhalten sollte, ohne dass es von der Inflation aufgefressen wird. "Alles ist noch unterausgelastet", sagt der Ökonom Hu Biliang von der Akademie der Sozialwissenschaften in Peking. Jetzt, da die Regierung die innerchinesischen Umzugsbeschränkungen gelockert hat, streben junge Menschen zu Millionen in die Städte, um ihr Glück zu machen. Dieses Ersatzheer wird noch lange dafür sorgen, dass die Löhne nicht in die Höhe schießen. Auch an Kapital besteht kein Mangel. Gegenwärtig sparen die Chinesen über 30 Prozent ihres Volkseinkommens, während die Zentralbank mit ihren Devisenreserven von etwa 350 Milliarden Dollar einer Kapitalmarktkrise begegnen kann. Zwar ist der Immobilienmarkt in Peking und in Shanghai samt Umgebung überhitzt. Aber der Boom bewegt sich weiter – in all die Provinzstädte, die nun schnell zu "mittelgroßen" Zentren von drei bis fünf Millionen Einwohnern wachsen und die berühmten Metropolen entlasten sollen.

Das alles sind gute Gründe für Optimismus. Es gibt einen besseren: Die nach wie vor allmächtige Kommunistische Partei hat sich dem Wachstum verschrieben. Sollte es abbrechen, versinkt China im Chaos.

Cao Yushu, stellvertretender Chef der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, leugnet das gar nicht. Die Mathematik der Reform, die er in aller Ruhe erläutert, ist atemberaubend. Über 100 Millionen Wanderarbeiter kommen derzeit vom Land in die Städte, um sich etwa als Tagelöhner auf dem Bau zu verdingen. Nur für die Erntezeit kehren die meisten nach Hause zurück. Zusätzlich gibt es auf dem Land noch rund 150 Millionen unterbeschäftigte Chinesen. Es werden immer mehr, weil die Landwirtschaft effizienter werden muss, damit einerseits die Löhne steigen können und andererseits billige Agrarimporte die heimischen Waren nicht verdrängen. Außerdem haben rund 14 Millionen Entlassene aus den Staatsunternehmen noch keinen neuen Job gefunden. Und ein beträchtlicher Teil der über 30 Millionen Staatsdiener in Behörden und Parteistuben gilt als überflüssig. "Die einzige Lösung ist eine weitere schnelle Entwicklung", sagt Cao. Im Jahr kämen noch zehn Millionen junge Arbeitskräfte hinzu, davon über zwei Millionen Hochschulabsolventen. Bei acht Prozent Wachstum werde die nachrückende Jugend gerade so mit Arbeitsplätzen bedient – die übrigen 250 Millionen Jobsuchenden noch nicht.