Ruhrgebiet in der Mandschurei

So weit gehen die regierungsinternen Diskussionen also schon. Am Horizont leuchtet ein noch offeneres, fortschrittlicheres China auf. Doch wie weit es bis dahin noch ist, entdeckt man jenseits des Küstenstrangs, der sich von Peking im Norden über Shanghai bis nach Hongkong im Süden spannt. Chinas Ruhrgebiet liegt im Nordosten, in der an Bodenschätzen reichen Mandschurei. Hier leidet ein Dutzend Millionenstädte unter einer Arbeitslosigkeit von über 50 Prozent. Deshalb kommt es in den alten Industriezentren Shenyang, Anshan oder Daqing in schneller Folge zu Streiks und Protesten. Bisher besänftigen lokale Parteikader die Aufständischen mit Sonderzahlungen, während sie deren Rädelsführer verhaften lassen. Die Strategie geht aber nicht auf – die verbotene Opposition des Landes, die Demokratische Partei, deren Mitglieder verfolgt und mitunter gefoltert werden, hat im Nordosten ihre stärksten Wurzeln.

"Es ist eine Schande für die Nation, dass sich niemand mehr um die normalen Bürger kümmert", sagt ein Elektroingenieur aus der 6-Millionen-Stadt Shenyang, der früher für die Opposition im Untergrund arbeitete. Sein Wohnviertel verwandeln Arbeitslose und Bauern von außerhalb der Stadt tagsüber in einen einzigen riesigen Marktplatz. Werkzeug, Plastikspielzeug, Winterkleidung, Dienstleistungen – jeder bietet etwas an, weil er sonst nicht genug zum Leben hat.

Meistens ist es indes weniger die Armut, die Bürger zur Verzweiflung treibt. Dengs Wort zur Ungleichheit wurde auch im Nordosten verinnerlicht, niemand erwartet Mitleid. Die meisten wissen, dass die Shenyanger Industrie hoffnungslos veraltet ist. Was sie aufbringt, ist die offensichtliche Korruption unter Parteikadern. Dass kürzlich der Provinzgouverneur wegen Bestechlichkeit seinen Posten räumen musste, ist nur ein kleiner Erfolg. In der Stadt kreuzen Hunderte geschmuggelter Luxus-Limousinen. Jede einzelne von ihnen, so muss man vermuten, ist mit einem Bestechungsakt verbunden. Dass nun BMW hier investiert, freut die Kader, ändert aber wenig am Gesamtbild. Transparency International, die weltweit tätige Organisation im Kampf gegen Korruption, stützt die Anschauung mit Zahlenmaterial: Im globalen Bestechungsindex 2003, der die saubersten Staaten zuerst führt, steht China auf Rang 66 – gemeinsam mit Panama.

Der chinesische Frühkapitalismus entwickelt sich rasend schnell, und die Zentralregierung muss sehen, wie sie die entstehenden Probleme quasi im Vorbeifahren löst. Korruption ist nur ein Problem auf ihrer Agenda, mit der sie – unterstützt von Aufrufen in allen Staatsmedien – die Menschen und die Marktwirtschaft zivilisieren will. Vorsichtig weitet sie das rudimentäre Sozialsystem aus. Für die Städter baut sie eine Arbeitslosenkasse auf. Ganz oben auf der Prioritätenliste aber stehen die Bauern, die pro Kopf nur auf ein Drittel des durchschnittlichen Jahreseinkommens von rund 1000 Dollar kommen. Steuererleichterungen und verbilligte Kredite sollen sie davor bewahren, tiefer in die Armut zu sinken. Da bleibt wenig Kraft, um sich auf die Jahre nach 2020 einzustellen, wenn China infolge seiner Ein-Kind-Politik das größte je dagewesene Rentenproblem zu lösen hat.

Schon heute hat der Staat zu wenig Geld. Zwar steigen dessen Einnahmen schnell – aber nicht so schnell wie die Ausgaben. Betrug das Haushaltsdefizit vor fünf Jahren noch unter einem Prozent der Wirtschaftsleistung, waren es vergangenes Jahr rund drei Prozent. Der Staat müsse dafür sorgen, dass künftig alle Bürger und Firmen die vorgeschriebenen Steuern bezahlten und nicht bloß einen Teil – dafür müsse aber auch deren Eigentum besser als heute geschützt werden, sagt Turnschuhfabrikant Li Ning. Arrivierte Unternehmen wie das Seine wollen vor allem die Kopierwut von Jungunternehmern zügeln. Heute wird so ziemlich alles illegal nachproduziert, angefangen von DVDs über sämtliche Geräte für Küche und Wohnzimmer bis zu Autos und Flugzeugersatzteilen.

Immer mehr Geld muss das Land für Energie aufwenden. Einige deutsche Unternehmen hätten schon unter längerem Stromausfall gelitten, berichtet der Chef der Deutschen Handelskammer in Peking, Jörg Wuttke. Er hat sich das Problem genau angeschaut und weiß: Der Importanteil für Öl steigt unaufhörlich, von derzeit 24 Prozent auf rund 50 Prozent im Jahre 2010. Deshalb kauft sich China derzeit in Asien und Afrika allerorten in die Ölförderung ein – zu überhöhten Preisen. Energie muss nicht nur gekauft, sondern auch gespart werden. Nicht einmal ein Prozent der Häuser im Land gilt als energieeffizient. Schon heute ist China der zweitgrößte CO2 Emittent der Erde. Autos verpesten die Luft derart, dass über Peking meistens eine Dunstglocke hängt. Viele Fabriken behandeln Energie noch als freies Gut.