Man kann sich leicht in die gigantischen Probleme des Landes hineinsteigern, doch den Chinesen selbst liegt nichts ferner. Nach einer Umfrage von Gallup International sagten Anfang des Jahres 90 Prozent der Chinesen, die Welt entwickle sich in die richtige Richtung. Nur 13 Prozent der Deutschen antworteten ebenso.

Lernen mit Walt Disney

Wachstum wirkt Wunder. Schon heute schöpft China mehr Direktinvestitionen aus der Welt ab als jedes andere Land – dieses Jahr wahrscheinlich mehr als 60 Milliarden Dollar. Und ein wachsender Teil des Kapitals geht schon über die Küstenregionen hinaus in arme westliche Provinzen. In der mandschurischen Hafenstadt Dalian wird gerade ein kleines Silicon Valley für hochwertige Computerdienstleistungen errichtet, damit junge chinesische Online-Arbeiter auf diesem Weltmarkt mit den Indern konkurrieren können. Schon heute produziert China mehr Mountainbikes, Mikrowellen und Mobiltelefone als jede andere Volkswirtschaft. Im Schiffbau soll die Führung bald erreicht werden, in der Autoproduktion wird die 1,3-Milliarden-Nation bald zu Deutschland aufschließen.

2005 könnte das Reich der großen Zahlen schon der größte Importeur der Weltwirtschaft sein. Der Konsum wächst nicht nur schnell, er ändert auch die Richtung. Im Jahr 2000 war der VW Passat noch das Nonplusultra in Sachen Auto-Status. Heute wirke das Modell altmodisch, die Yuppies kauften Autos mit mehr "Glamour" wie den Buick Excelle, sagt Jian Xu, der Autoexperte bei Roland Berger in China. Und wenn sie es sich leisten könnten, wollten sie importierte Autos und keine im Land per Joint Venture gefertigten mehr – Schluss mit der Zweitklassigkeit. Die Konzernstrategen müssen sich sputen, um dem Geschmack der Chinesen auf der Spur zu bleiben. Die Eisfirma Häagen-Dazs, die in China für eine Portion Eiscreme umgerechnet drei Euro und mehr nimmt, kommt in den Großstädten schon an. Und die US-Kaffeekette Starbucks hat einen kleinen Laden im Allerheiligsten der chinesischen Geschichte eröffnen dürfen, in Pekings Verbotener Stadt.

Viele Städter sparen für eine Privatwohnung in den hohen Apartmenthäusern, die an jeder Ecke entstehen. Die schwedische Möbelkette Ikea und die deutsche Baumarktkette Obi öffnen gerade eine ganze Reihe neuer Geschäfte im Land. Neben aller Konsumlust investieren chinesische Eltern in die Ausbildung der Kinder. Vielerorts bezahlen Bauern die Hälfte ihres bescheidenen Jahreseinkommens für Schulgebühren, und Städter geben ein Monatseinkommen aus, damit das Kind mit einem Laptop zur Schule gehen kann. Auch der Bildungsmarkt wächst in China besonders schnell. Westliche Medienkonzerne verkaufen nicht nur Mickey Mouse und Lara Croft, sondern zunehmend Lehrbücher und digitale Lernprogramme wie das Magic-English -Paket von Disney. Und Spitzenunis aus den USA und Europa konkurrieren jetzt um die beste Ausgangsposition im Markt für Managementstudien. Der deutsche Ökonom Rolf Cremer, Vize-Chef der China European International Business School in Shanghai, unterrichtet chinesische Manager, die sich auf den nächsten Karrieresprung vorbereiten. Umgerechnet 12000 Euro müssen sie für ein Vollzeitprogamm zum Master of Business Administration (MBA) bezahlen. "Die chinesischen Studenten sind fleißig und wissbegierig", sagt er. Weil sie im Kommunismus keine Gelegenheit hatten, die Grundbegriffe der Ökonomie aufzuschnappen, müssen sie mehr Basiswissen sammeln als westliche Studenten. Sie tun es eifrig.

China strebt danach, so zu werden, wie Shanghai heute schon ist. Die 16-Millionen-Stadt südlich der Mündung des Jangtse-Flusses ist weltläufig. Mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 2340 Dollar ist sie relativ wohlhabend – und sie boomt. Bunte Hochhäuser wachsen in den Himmel, so weit man aus der Lobby des höchsten Hotels der Welt, des Grand Hyatt, schauen kann; das französische Viertel und die Kolonialbauten im ehemaligen Geschäftsviertel an der Uferstraße Bund verleihen der Stadt europäisches Flair. Hier hat statistisch schon jeder Zweite ein Handy, und keine Stadt der Welt dürfte mehr Baustellen haben. Rund 30000 ausländische Firmen sind hier vertreten, fast 20 Prozent der ausländischen Investitionen in China gingen vergangenes Jahr in diese Stadt.

Shanghai ist der unbekümmerte, geschäftstüchtige, lebenshungrige Gegenpart zum ernsten, grauen, mit Plattenbauten durchsetzten Peking. Kann sich in dieser Stadt, die sich dem Turbokapitalismus verschrieben hat, noch so etwas wie Solidarität halten – mit anderen Bürgern der Stadt und den anderen Teilen des Landes? Werden die bunten Hochhäuser mit den Asphaltplätzen und Straßen zwischen ihnen nicht automatisch zu den Slums von morgen?