Asiatische Internet-Kultur

Nein, sagt Jiao Yang. Die Ausländern als "Madam Jiao" vorgestellte Sprecherin der Stadt schwört auf den besonderen Gemeinsinn in China. Sie erzählt, wie dort, wo sie wohnt, ein Bürgerkomitee die gegenseitige Hilfe organisiert. Jüngere würden Älteren beim Einkauf oder in der Wohnung helfen – im Vertrauen darauf, dass ihnen später auch geholfen wird. Frau Jiao selbst haben die Nachbarn von den Hilfsdiensten entbunden, sie sehen sie oft im Fernsehen und wissen also, wie beschäftigt das neue Gesicht Shanghais ist. Aber überall in der Stadt gäbe es diese Nachbarschaftskultur, sagt die Sprecherin – eine chinesische Tradition, die sich halten werde. Ihre Hypothese steht vor einem harten Test. Überall in der Stadt werden alte Häuser eingerissen, Bewohner umgesiedelt oder einfach hinausgeschmissen, um Platz zu schaffen für die neue Mittelschicht und ihren Drang zu mehr Lebensqualität. Die neuen Unterschiede werden zementiert.

Und doch: Die Mächtigen in China glauben fest daran, dass bei ihnen ein eigener Kapitalismus entsteht, der sich nicht allen westlichen Entwicklungsmustern fügen muss. "China ist ein Land, in dem der Glaube an die Gleichheit der Menschen fortbestehen wird", sagt Li Ning, der Schuhhersteller. "Wir müssen lernen", sagt Charles Chang, der Dotcom-Gründer. Das Internet beschleunige den Aufholprozess, zugleich entstehe in ihm eine "spezifisch asiatische Netzkultur" mit ihren besonderen Schriftzeichen. "Wir absorbieren westliche Kultur, aber unsere Kultur ist nicht westlich." Wie dem digitalen China soll es dem ganzen Land gehen: "In 100 Jahren werden wir auf unsere Zeit als die eigentlich revolutionäre Periode Chinas zurückblicken."

Selbstvertrauen ist keine Mangelware mehr. Junge einheimische Manager schimpfen auf deutsche Unternehmen, weil sie fast ausschließlich Männer aus der Heimat an die Spitze ihrer chinesischen Tochterfirmen setzten. Für sie ist die Zeit vorbei, in der China bloß als billige Werkbank herhielt. Sie wollen Einfluss nehmen mit ihren Produkten, ihren Entscheidungen, ihrer Kultur.

China, sagt Rolf Cremer, "das bedeutet große Zahlen". Heute sei die Weltwirtschaft amerikanisiert. Und morgen? In Europa denke kaum jemand über Chinas künftigen Einfluss auf die Welt nach – "und wenn, dann nur als Bedrohung".