Ist man der Würde eingedenk, mit der Dieter Henrich, nicht zuletzt seinen Eltern dankend ("vor deren Leben mir jede Leichtfüßigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den letzten Dingen stets als ausgeschlossen erschien"), den Hegel-Preis entgegennahm, dann fällt es schwer, skeptisch von der Philosophie zu sprechen. In seiner Rede fielen Worte über den Menschen: "Der Mensch ist sich seiner selbst bewusst, und zugleich fasst er den Gedanken von allem, was überhaupt ist und gilt. In diesem Ganzen muss er sein eigenes Leben positionieren."

Die Frage ist, ob er es tut, der Mensch - in meiner Umgebung kommt keiner vor, der Selbstbestimmung in Rücksicht auf das Ganze betreibt. Alle glauben, sie "müssten" etwas ganz anderes, und wenn das Ganze sich nicht durch das ganz Andere ausspricht, "vermittelt", dann erkennen wir es nicht, dann haben wir gar nichts mit dem Ganzen zu tun. So sind alle meine Bekannten entweder schlechte Philosophen oder umgekehrt, wenn der Philosoph "der Mensch" sagt, dann meint er "Philosoph", und der kann ja in Rücksicht auf das Ganze sich stets selbst bestimmen.

Ein Ausweg ist die Behauptung, dass erst in der Philosophie der Mensch zu sich selbst komme. Das macht aus ihr ein apartes Fach, die Königsdisziplin des Menschlichen, und aus meinen Bekannten und mir entfremdete Wesen. Gegen diese Entfremdung lese ich schon seit langem die Werke aus der Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Seit 30 Jahren, so lautet der erfreulich zurückhaltende Jubiläums-Werbespruch, verbindet die Reihe "Klassiker der Theorie mit innovativen Publikationen verschiedener Wissenschaftsbereiche".

Ich bleibe bei der Philosophie und empfehle Dieter Thomäs "Vom Glück in der Moderne", auch weil darin wiederum "wir" angesprochen sind. Philosophie, heißt es, gehe von der "Unersetzbarkeit und Unabschließbarkeit sprachlicher Selbstverständigung" aus. Zur Philosophie gehöre "die - ein bisschen unheimliche - Einsicht, dass unser Versuch, mit dem Leben zurechtzukommen, sich auf Begriffe stützt, die in ihm keinen festen Halt haben. Auf dem Spiel stehen nicht nur Diskurse und Codes, die man im Sinne der Ideologiekritik entlarven, im Sinne des Konstruktivismus auf Distanz halten oder im Sinne des ,new historicism' neu erfinden könnte, sondern symbolisch gestützte Lebensformen, deren Infragestellung Verlustangst, deren Beibehaltung aber auch Platzangst auslösen kann."

Man kann also sagen, das Leben ist immer lebensgefährlich, und was immer Ideologiekritik, Konstruktivismus und new historicism vermögen, es ist schwierig, sein Glück zu machen. Eine Ambivalenz wie die von Verlust- und Platzangst ist ein Indiz für diese Schwierigkeit. Der Philosoph untersucht die sprachlichen Leistungen, die vor allem andere Philosophen aufwenden, um mit dem Glück zurande zu kommen. So steht das Buch unter dem Motto eines berühmten Satzes von Max Horkheimer: "Wer glücklich ist, bedarf nicht der Bosheit." Das tröstet über die Bösen hinweg, denn sie sind zum Glück unglücklich. Aber wie, frage ich, kann man glücklich sein, wenn man auf die Bosheit verzichten muss?

Mit großem Interesse las ich Thomäs Analyse von Adornos trauernder Philosophie. Richtig verstanden, so Thomä, enthielten Adornos Überlegungen romantische Enklaven, in denen die Vorstellungen vom richtigen Leben (als Beziehung zu anderen Menschen und zur Natur) präsent seien. Diese Glücksvorstellungen wirkten wie ein Leitmotiv, durch das Adorno das Falsche am Leben besonders scharf habe sehen können. Ich glaube nicht, dass sich Adorno so leicht als indirekter Glücksbote zu erkennen gibt, aber mir fällt ein Satz ein, den Adorno gesagt haben soll: "Ich habe einen Gartenzwerg in Wien." Just diesen Satz hat Lotte Tobisch, eine Dame der Wiener Gesellschaft, deren Briefwechsel mit Adorno jüngst im Droschl Verlag erschienen ist, interpretiert: Wenn die "Adorniten" sich noch so ärgern, Adorno habe damit gemeint, dass ein jeder Mensch seinen Gartenzwerg benötige ...