Was hat sich Leon de Winter dabei gedacht? Was der Autor als hasserfüllten Antiamerikanismus ausmacht, ist doch eher eine kritische Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie die USA die globalen Probleme dieser Welt zu lösen versuchen. Dies schmälert in keiner Weise den Respekt vor den Opfern der Anschläge vom 11. September 2001. Und sind es denn tatsächlich die Europäer, die voller Sehnsucht auf immer neue Verschwörungstheorien warten? Das Internet liefert sie aus allen Teilen der Welt, sogar aus den USA selbst.

Aber was hat das alles mit Israel zu tun? Leon de Winter meint das Jahr 1982 als Wende ausmachen zu können. Seither tobe ein Medienkrieg gegen den kleinen Staat in Nahost. Und in der Tat kann der Libanon-Krieg kritisch betrachtet werden. Aber ambivalent war das Verhältnis schon vorher. Schließlich hatte man bereits 1967 begonnen, das Staatsgebiet aus vermeintlichen oder tatsächlichen Sicherheitsgründen zu vervierfachen. Seit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 ist das mediale Interesse enorm. Denn keine Region dieser Erde war und ist über einen so langen Zeitraum hinweg Ort derartiger Auseinandersetzungen gewesen.

Ist die europäische Berichterstattung einseitig antiisraelisch oder gar antijüdisch? Keineswegs. Die brachiale Gewalt palästinensischer Selbstmordattentate wird ebenso verurteilt wie die undiplomatische Starrköpfigkeit eines Friedensnobelpreisträgers namens Jassir Arafat. Und nachdem die Vereinigten Staaten von Amerika ihr Engagement im Nahen Osten eingeschränkt haben, sind es gerade die Europäer, die auf Vermittlung und Lösung des Konfliktes drängen. Das Verhältnis Israels zu seinen Nachbarn lässt sich nicht einfach in eine Opfer-Täter-Relation auflösen. Israel ist weder Opfer schlechthin noch Täter allein.

Man kann Amerika lieben und gleichzeitig die Politik eines George W. Bush kritisieren - man kann den Sonnenuntergang in Tel Aviv genießen und muss kein Freund von Ariel Scharon sein. Man kann Leo Kaplan für großartige Literatur erachten, Leon de Winters politische Analysen indes ungelesen übergehen.

Sebastian Schoknecht Würzburg

In den politisch unreflektierten Schichten ist sicherlich eine latente Ablehnung gegenüber Juden vorhanden - genauso ist jedoch eine Islam-Phobie vorhanden, wie im Artikel Feindselige Normalität aufgezeigt wird: Laut der darin erläuterten Studie ist ein generelles Misstrauen gegenüber Muslimen bei etwa 65 Prozent der Bevölkerung vorhanden! Wenn man von diesen Zahlen liest, muss man sich die Frage stellen, ob de Winter mit seiner Aussage, Israel sei "Europas Staatsfeind Nummer eins", wirklich Recht hat.

Unter den "Stammtischpolitikern" Europas ist sowohl Antiamerikanismus als auch Antiislamismus als auch Antisemitismus vorhanden. Und in den Intellektuellenkreisen werden sowohl Amerika als auch Israel als auch islamistische Fundamentalisten als Aggressoren angesehen, die den Weltfrieden bedrohen.