Conard die aktuellen Grabungsfunde aus der Höhle namens Hohle Fels bei Schelklingen im Achtal der Öffentlichkeit - einen Pferdekopf, einen Wasservogel und ein Figürchen: halb Löwe, halb Mensch.

Insgesamt belegen nun 18 Kunstwerke aus Elfenbein, allesamt vor 30 000 bis 36 000 Jahren entstanden, wo der jagende Mensch vor 1300 Generationen zum leistungsfähigen Kreativen aufgestiegen ist: auf der Schwäbischen Alb. Nur wenige Kilometer liegen die vier Fundorte Vogelherd, Hohlenstein-Stadel, Geißenklösterle und Hohle Fels auseinander. Hier hatte die Menschheit im Aurignacien ihre ersten Kunstateliers. Riesige Mengen von Spänen als zwangsläufiger Abfall vom Schöpfungsprozess belegen, dass es sich bei den Kleinoden keineswegs um Mitbringsel handelte, sondern um Qualitätsware made in Germany.

"Ohne Zweifel handelt es sich um die älteste Ansammlung figürlicher Kunst auf der Welt", kommentiert der Archäologe Anthony Sinclair von der Universität Liverpool in Nature die kleinen Statuetten von der Alb. Als große Überraschung wertet er die Qualität der prähistorischen Miniaturen. Die Theorie einer "schrittweisen Entwicklung der Kunstfertigkeit" sei damit über Bord. Stattdessen belege die Urkunst aus Schwaben, dass "die ersten modernen Menschen in Europa erstaunlich frühreife Künstler waren".

Von den drei neuesten Funden aus Hohle Fels hat das aufrechte Löwenmännchen es Wehrberger besonders angetan. Das 25,5 Millimeter kleine Fragment besteht aus Kopf, Torso, einem Arm, Schulter und gleicht verblüffend dem Löwenmenschen, einer 28 Zentimeter großen Figur, die, ausgeleuchtet und mit Panzerglas gesichert, als Attraktion der archäologischen Sammlung Touristen in das Ulmer Museum lockt. Dessen Fundort war die Höhle Hohlenstein-Stadel.

"Gehen wir", sagt Wehrberger.

Beim Verlassen der Vogelherd-Höhle wirft er schnell einen Blick auf die Spuren eines anderen früheren Bewohners der Stätte. Die Kratzer am Eingang sind "Bärenschliff". Jahrtausendelang fanden sich Höhlenbären zum Winterschlaf ein und hinterließen mit ihrem zottigen Pelz Scheuerspuren im Fels. Während der kurzen Autofahrt zum Hohlenstein-Massiv erzählt Wehrberger, dass am Anfang allen urgeschichtlichen Forschens in Süddeutschland die Jagd nach den Überresten der ausgestorbenen Petze stand. Ein Fuchs hatte 1861 aus einem Felsloch im Hohlenstein-Massiv Knochen und Zähne gescharrt. Daraufhin machte sich der Geologe Oscar Fraas ans Graben und förderte 80 Schädel zutage - ohne zu merken, was für eine Sensation er auf der Schaufel hatte. Fünf Jahre später holte er Versäumtes nach, wühlte sich erneut tagelang durch den Dreck und musste anschließend bekennen: "Ein Beweis, wie sehr man mit Blindheit geschlagen sein kann." Im Schädelrausch hatte Fraas alle Spuren menschlicher Präsenz wie künstlich durchbohrte Zähne, Pfrieme, Nadeln aus Bein und Feuersteinklingen glatt übersehen.

Nur wenige Schritte sind es von der Bärenhöhle zum Eingang von Hohlenstein-Stadel. "Heut ist's aber gespenstisch hier", brummt Wehrberger.