Solch "anthropozoomorphe Figuren" sind für den südafrikanischen Archäologen David Lewis-Williams Wesen aus dem Umfeld des Schamanismus. Nach seiner Auffassung stellt das Ulmer Exponat eine Art Zauberer dar, der sich - durch ekstatische Tänze, Musik oder Drogen - in veränderte Bewusstseinszustände versetzt. Ziel der Übung: Kranke heilen, Zukunft voraussagen, Tiergeistern begegnen, Wetter beeinflussen oder reale tierische Bestien durch übernatürliche Kräfte neutralisieren.

Es fällt schwer, sich bei Tag in der winterlich kalten Stadel-Höhle einen durchgeknallten Zauberer vorzustellen, der als Löwe verkleidet die schummrige Stätte zum Kultplatz macht. Wehrberger zeichnet lieber ein gemütlicheres Bild. Die Sippe saß abends am flackernden Feuer. Da schlug die Stunde des Geschichtenerzählers: "Der reichte den Löwenmenschen herum wie eine Puppe, mit der er die Handlung seiner Sage illustrierte."

Der Nebel hat sich noch immer nicht gelichtet. Steil geht der Pfad bergan.

Maria Malina, Mitarbeiterin von Conard, warnt vor dem rutschig-nassen Wurzelwerk. Sie geht zackig voraus und betritt den halbrunden Felsenkessel aus Jurakalk, der die Höhle Geißenklösterle im Achtal monumental umrahmt.

Auch diese Stätte wurde vornehmlich im Winter aufgesucht. Malina erklärt, woraus man das lesen kann: "Zwischen den Knochenresten lagen Gebeine von Pferdeföten." Sie schließt das Gitter auf.

Für Aufsehen sorgte der Ort 1995. Seither darf sich das Schwabenland als Epizentrum der schönen Künste betrachten. Denn nicht nur mit vier Frühestwerken der Bildhauerei wartet Geißenklösterle auf. Hier stießen Tübinger Forscher auf gekerbte und gelochte Knochen eines Singschwans. Diesen zwei bislang ältesten Musikinstrumenten der Welt entlockten Älbler vor 35 000 Jahren paläolithische Flötentöne. "Der helle Ton ist sofort als Musik zu erkennen. Das war nicht bloß Gepfeife", sagt Conard.

Malina steuert das Dienstfahrzeug der Tübinger Urgeschichtler durchs Achtal, zum Schauplatz der jüngsten Schlagzeilen: Hohle Fels. Ein Schafbauer meckert von der Wiese nebenan: "Betreten verboten! Fledermäuse!" Malina versucht ihn zu beruhigen, erzielt einen Teilerfolg und versucht im Sicherungskasten die richtigen Hebel zu finden. Es gelingt. Der hintere Teil der Höhle, eine 6000 Kubikmeter große Halle - der eigentliche "Hohle Fels" - bleibt dunkel. So wird der lange Schlaf der Flattertiere nicht unterbrochen, die im Winter zu Tausenden hier Schutz suchen. Nur im vorderen Teil, wo Conard und seine Gehilfen im vergangenen Sommer gegraben haben, leuchten hell die Scheinwerfer. "Dort lag der Wasservogel, hier das Pferd und da der kleine Löwenmensch", sagt Malina, ein wenig stolz, beim Fund der ersten Statuetten in dieser noch wenig erforschten Höhle dabei gewesen zu sein.